Personalisierte Medizin: Zwischen Hoffnung und Skalierbarkeit

Die Biologisierung – einer von 20 GDI Major Shifts – zeigt das grosse Potential biologischer Prozesse für unterschiedliche Anwendungen. Im Gespräch diskutieren GDI-Trendforscher Gian-Luca Savino und Susan Shaw, Head of Strategic Foresight, über den disruptiven Charakter dieser branchenübergreifenden Entwicklung am Beispiel des Gesundheitswesens.
14 Juli, 2026 durch
Personalisierte Medizin: Zwischen Hoffnung und Skalierbarkeit
GDI Gottlieb Duttweiler Institute
Biologisierung klingt sehr technisch. Was steckt hinter dem GDI Major Shift?

Gian-Luca Savino: Biologisierung beschreibt einen grundlegenden Wandel von mechanischen und industriellen Ansätzen hin zu biologischen und organischen Lösungen. Biologische Prinzipien werden so zu einem integralen Bestandteil von Wissenschaft, Technologie und Industrie. Biologie verschmilzt mit Technik und wird selbst zum Werkzeug für Medikamente, für Materialien, bis hin zu Lebensmitteln. Der Auslöser sind die dramatisch gefallenen Kosten in den letzten zwei Jahrzehnten. Ein menschliches Genom auszulesen kostete 2001 noch rund 95 Millionen Dollar, heute nur noch ein paar hundert. Seit dem Humangenomprojekt 2003, der Gen-Schere CRISPR 2012 und den mRNA-Impfstoffen aus der Pandemie können wir das Erbgut nicht nur lesen, sondern gezielt verändern. Für das Gesundheitswesen heisst das: Medizin wird zugeschnitten auf das einzelne Erbgut statt auf den Durchschnittspatienten.

Gian-Luca Savino

Gian-Luca Savino
Senior Researcher und Speaker am GDI
Der promovierte Informatiker analysiert globale Trends in den Bereichen Technologie und Umwelt sowie deren Auswirkungen für Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft.

Susan, inwiefern ist die Biologisierung für Unternehmen eine relevante Entwicklung?

Susan Shaw: Die Biologisierung ist für viele Branchen aktuell ein sehr wichtiger GDI Major Shift, wie zum Beispiel für unseren Kunden den Krankenversicherer Helsana.Die Biologisierung erhöht die Erwartungen der Versicherten an eine personalisierte Präzisionsmedizin. Statt einer reaktiven Versorgung wünschen sich Versicherte künftig eine proaktive, individuell zugeschnittene Gesundheitsbegleitung. Die bisher standardisierten Behandlungsmöglichkeiten der Leistungserbringer werden dadurch herausgefordert. In Zukunft sind vermehrt datengetriebene und personalisierte Gesundheitsangebote gefragt. 

Check-up der Gesundheitsbedürfnisse

Krankenversicherer bieten Dienstleistungspakete an, auf die Kund*innen ein Leben lang zählen können. Umso wichtiger ist es, dass Helsana aktuelle und künftige Kundenbedürfnisse versteht und in die Produktentwicklung einbindet. Dabei unterstützte unser Strategic Foresight Team den Krankenversicherer: In einer Umfeldanalyse identifizierte das GDI die wichtigsten GDI Major Shifts für den Gesundheitsbereich und leitete daraus konkrete Implikationen für das Zusatzversicherungsgeschäft ab. Diese wurden in mehr als 20 Expertengesprächen kritisch gespiegelt und mit Kunden zusammen evaluiert. Danach wurden zukunftsfähige Produktlösungen entwickelt und anschliessend gemeinsam mit Helsana priorisiert. Die fundierte Analyse über langfristige Entwicklungen im Gesundheitsbereich schärfte das Verständnis für künftige Kundenbedürfnisse.

STRATEGIC FORESIGHT ENTDECKEN

Vor welche Herausforderungen stellt die Biologisierung die Gesundheitsbranche?

Gian-Luca Savino: Die Prozesse im Gesundheitswesen, wie beispielsweise die Entwicklung und Zulassung neuer Medikamente, sind enorm langwierig und teuer. Ein hoher Personalisierungsgrad – auch wenn technisch möglich – ist daher für die gesamte Branche eine grosse Herausforderung. Das aktuell vorherrschende Zulassungssystem in der Medizin ist auf Masse gebaut, auf grosse randomisierte Studien mit Tausenden Patienten. Bei einer Therapie, die für einen einzigen Menschen gemacht ist, greift dieses Prinzip nicht mehr. Statistische Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und ein hoher Personalisierungsgrad stehen somit im Spannungsfeld zueinander. Darüberhinaus braucht es interoperable Gesundheitsdaten, spezialisiertes Personal, Datenschutz für hochsensible Gendaten. Diese Infrastruktur aufzubauen und sicherzustellen betrifft Pharma, Spitäler, Regulatoren, die ganze Branche.

Susan Shaw: Das zeigt, dass dieser Shift eine echte Mammutaufgabe mit disruptivem Charakter für die gesamte Gesundheitsbranche und ihre aktuellen Geschäftsmodelle ist.

Susan Shaw

Susan Shaw
Head of Strategic Foresight am GDI
Sie leitet den Geschäftsbereich Strategic Foresight mit dem Ziel, die Forschung, die Studien und das gesamte Know-How des GDI für die Praxis nutzbar zu machen.

Welche Faktoren verstärken den Wandel hin zu einer personalisierten Präzisionsmedizin?

Susan Shaw: Einerseits die anhaltend grosse Aufmerksamkeit rund um Tests und Analysen in der Öffentlichkeit, wie beispielsweise Gentests zur Früherkennung von Krankheiten oder Mikrobiomanalysen. Das kurbelt Kundenbedürfnisse zusätzlich an. Andererseits erlaubt die technologische Entwicklung einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu solchen Angeboten. Dabei geniesst die Präzisionsmedizin ein hohes Vertrauen und weckt grosse Hoffnungen. Allerdings bleiben die Skalierbarkeit und damit auch die Kosten ein Stolperstein.

Ist die Skalierbarkeit in der Biologisierung allgemein ein Thema? Wie schätzt du den weiteren Verlauf dieser Entwicklung ein?

Gian-Luca Savino: Die Skalierbarkeit ist das Kernthema, da sich die Technologie und die Therapie unterschiedlich verhalten. Die Technologie skaliert bereits wie Software: Gentests direkt für Konsument*innen oder Mikrobiom-Analysen sind zwei Beispiele, wie Tests entwickelt und dann millionenfach ausgeführt werden. Viele Menschen haben längst einen kommerziellen Gentest gemacht, dieser Markt wächst und sorgt vor allem für steigende Akzeptanz in der Gesellschaft.

Und auf der Therapieseite?

Gian-Luca Savino: Da ist es das genaue Gegenteil: Je persönlicher eine Behandlung, desto schlechter skaliert sie. Aktuell liegen grosse Hoffnungen auf KI. KI-gestützte Forschung in der Medizin nimmt rasant zu. Wenn wir es schaffen, mit KI nicht nur schneller Wirkstoffe zu entwerfen, sondern ihre Wirkweise wirklich zu verstehen, dann lassen sich klinische Studien kleiner und gezielter anlegen. Man testet von Anfang an nur jene Menschen, die tatsächlich ansprechen, statt Tausende.

Bei seltenen Einzelfällen, für die eine grosse Studie gar nie genug Patient*innen fände, geht die Entwicklung sogar noch einen Schritt weiter: Wenn man die genetische Ursache kennt und zeigen kann, dass ein Wirkstoff genau an dieser Ursache ansetzt und beim einzelnen Menschen wirkt, kann das eine grosse Studie ersetzen. Die US-Zulassungsbehörde FDA hat Anfang 2026 genau dafür einen ersten Rahmen vorgelegt. Aktuell bleibt jedoch: Billiger wird vor allem die Forschung; die eigentliche Hürde bleibt die Marktreife eines Medikaments, das für einen einzigen Menschen gemacht ist.

Hinken die Unternehmen den technologischen Entwicklungen hinterher?

Susan Shaw: KI hat die steigenden Erwartungen von Kund*innen zusätzlich beschleunigt, teilweise schneller, als Firmen ihr Angebot angleichen konnten. In den Expertengesprächen, die wir für Helsana geführt haben, war viel Verständnis für das Bedürfnis nach personalisierter Präzisionsmedizin zu spüren. Aber derzeit sind entsprechende Lösungen kaum bezahlbar. Dennoch gibt es Potenzial, beispielsweise in der vor- und nachgelagerten Versorgung. Zusatzversicherungen können hier eine Lücke schliessen. Noch ist unklar, wie sich die Zahlbereitschaft in Abhängigkeit mit den erfüllten Erwartungen entwickelt. Denn die steigenden Prämien bereiten vielen Versicherten Sorge.

Gian-Luca Savino: Die Kosten sind im Gesundheitssystem ein grosses Thema. Der Grat zwischen echter Prävention, die der ganzen Bevölkerung nützt, und Premiumleistungen, wie etwa kostspielige Longevity-Kuren, ist schmal. Für eine nachhaltige Gesundheitsversorgung der Bevölkerung stehen Akteure im Gesundheitswesen vor der Frage, wie sie wirtschaftliche Chancen nutzen können, ohne gleichzeitig eine Zweiklassenmedizin zu fördern.

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