Vom Gipfel in die Zukunft blicken

Was braucht die Bergbevölkerung 2040? Diese Frage untersuchte das Gottlieb Duttweiler Institut gemeinsam mit der Schweizer Berghilfe in einem Strategic-Foresight-Prozess.
13 Juli, 2026 durch
Vom Gipfel in die Zukunft blicken
GDI Gottlieb Duttweiler Institute

Eine langfristige Foresight-Perspektive soll zeigen, welche Herausforderungen die Menschen in Berggebieten in 15 Jahren meistern müssen. Gemeinsam mit dem Gottlieb Duttweiler Institut richtete die Schweizer Berghilfe den Blick in die Zukunft mit dem Ziel, ihre möglichen zukünftigen Rollen abzuleiten. Im Kontrast zur bestehenden 5-Jahres-Sicht der laufenden Strategieplanung wollte die Non-Profit-Organisation Denkmuster aufbrechen und die eigene Rolle kritisch überdenken. 

Die folgenden vier Schritte zeigen, wie Susan Shaw, Head of Strategic Foresight, und Camille Zimmermann, Senior Expert Strategic Foresight, die Berghilfe durch diesen Prozess geführt haben.

1. Analyse: Orientierung in einer komplexen Welt

In einem ersten Schritt stand die Umfeldanalyse im Fokus. Das GDI hat basierend auf den langfristigen Entwicklungen der GDI Major Shifts primäre und sekundäre Einflussfaktoren analysiert. Im Zentrum stand die Frage, welche gesellschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Shifts neue und auch überraschende Perspektiven auf die Zukunft der Berggebiete eröffnen. Etwa die Entwicklung hin zu einer «Multipolaren Welt», die zu Störungen globaler Lieferketten führen kann. Dies verändert beispielsweise Transitkorridore sowie die Führung von Handelsrouten und beeinflusst damit auch Verkehrsführungen im Alpenraum.

2. Outlook: Individuelle Implikationen für die Bergbevölkerung

Auf Basis der in Schritt 1 definierten Einflussfaktoren aus den GDI Major Shifts, entwickelte das GDI über 70 mögliche Implikationen im spezifischen Kontext der Schweizer Berghilfe. 

 Ein Beispiel: Die globale Erwärmung könnte in Berggebieten zu einer «Klima-Gentrification» führen. Klimatisch nicht zu heiss, nicht zu gefährlich und ökologisch resilient, könnten Höhenlagen um die 1200 Metern zur strategisch wertvollsten Lage des 21. Jahrhunderts werden.

In enger Abstimmung mit der Schweizer Berghilfe wurden über 30 besonders relevante Implikationen für die weiterführende Bewertung ausgewählt.

3. Priorisierung: Fokus auf das wesentliche

Die Frage nach der Relevanz lässt sich selten im Alleingang bestimmen. Vertreter*innen der Schweizer Berghilfe und externe Expert*innen haben die 30 Implikationen aus dem zweiten Schritt bewertet. Vertiefte Diskussionen entstanden vor allem dort, wo die Einschätzungen stark divergierten. Etwa bei der Frage ob automatisierte Medienökosysteme wie KI-News und soziale Medien die alpinen Risiken eher dramatisieren und damit die Romantisierung der Berge seit dem 19. Jahrhundert weiter fortführt. Andere waren eher der Ansicht, dass die Entwicklung hin zu algorithmischen Inhalten die Risiken am Berg immer stärker verharmlosen, mit realen Folgen für Rettungsdienste und die lokale Bevölkerung. Die unterschiedlichen Perspektiven lieferten wertvolle Erkenntnisse für die Priorisierung. 

Die individuell auf uns zugeschnittenen Implikationen haben einerseits die Diskussion angeregt. Andererseits war ich überrascht, wie schnell wir auf dieser Basis im Workshop mögliche Entwicklungen für die nächsten 15 Jahren ableiten konnten. Hier haben wir bereits viel Klarheit und Fokus erlangt.

Eva Jaisli  Präsidentin des Stiftungsrats, Schweizer Berghilfe

Das Resultat der Bewertungen und des Workshops war eine Reduktion auf 15 Schlüsselimplikationen, die als strategischen Bezugsrahmen dienten und Mini-Szenarien für die künftige Entwicklung aufzeigen. Um bestehende Sichtweisen zu erweitern, blinde Flecken sichtbar zu machen und neue Perspektiven ausserhalb der Organisation einzubinden, hat das GDI zudem zwei Roundtable-Sessions durchgeführt. Expert*innen aus Politik und Wirtschaft haben die Mini-Szenarien reflektiert und offene Fragen beantwortet. 

4. Action: Das neue Rollenbild der Schweizer Berghilfe

Doch was bedeuten diese künftigen Entwicklungen und Implikationen für die Gegenwart der Schweizer Berghilfe? Aus den Erkenntnissen der ersten drei Schritte galt es systematisch mögliche zukünftige Rollen abzuleiten. Dazu hat das GDI die Berghilfe in einem Workshop angeleitet, die «Jobs to be Done» für das Ökosystem der Schweizer Berggebiete zu erarbeiten. 

Die Methodik erwies sich als äusserst zielführend. Denn sie hat den Fokus weg von bestehenden Strukturen hin zu den tatsächlichen Bedürfnissen, Funktionen und Mehrwerten im zukünftigen Ökosystem verschoben.

Camille Zimmermann - Senior Expert Strategic Foresight, GDI

Die zentralen Aufgaben wurden den wichtigsten Akteuren zugeordnet. Im Fokus standen jene Rollen, welche die NPO für die Berggebiete künftig übernehmen könnte. Dazu zählt beispielsweise die Funktion als «Botschafterin», die zu einem besseren Verständnis zwischen Berg- und Stadtbevölkerung beitragen soll. In der Rolle einer «Denkfabrik» steht die Aufgabe im Vordergrund, fundierte Grundlagen für bessere Entscheidungen zugunsten der Bergregionen zu erarbeiten.

Um daraus konkrete Handlungsoptionen abzuleiten, wurden die Aufgaben tiefer analysiert: Welche könnten künftig an Bedeutung gewinnen und welche schwächen sich eher ab? Wo bestehen für die Schweizer Berghilfe aktive Gestaltungsmöglichkeiten und wo ist der Einfluss der NPO eher begrenzt? Daraus entstand eine finale Matrix der künftigen Rollenbilder der Schweizer Berghilfe. Sie zeigt sowohl die Erwartungen der Anspruchsgruppen in den Berggebieten als auch die strategische Wünschbarkeit der jeweiligen Rollen aus Sicht der Organisation.

Geschärfter Blick nach vorne

Die im Strategic-Foresight-Prozess erarbeiteten Materialien bilden eine evidenzbasierte Grundlage für die strategische Weiterentwicklung der Schweizer Berghilfe. Die plausiblen und fundierten Zukunftsbilder sowie die Rollen der Schweizer Berghilfe im Jahr 2040 wurden an einem Anlass mit knapp 100 Gästen in unterschiedlichen Formaten diskutiert. 


Die offene, inspirierende Atmosphäre, die vielen wertvollen Inputs und die intensiven Gespräche haben eindrücklich bestätigt, wie wichtig es ist, frühzeitig und gemeinsam über die Zukunft nachzudenken.

«Im gesamten Prozess hat die Schweizer Berghilfe gezeigt, dass sie den Mut hat, das Vertraute zu hinterfragen und offen zu sein für neue Antworten auf alte Fragen», so Camille Zimmermann.

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