Luft nach oben: So funktioniert Verdichtung in der Schweiz

Die Wohnknappheit ist ein Dauerbrenner in den Medien. Die GDI-Studie «So will die Schweiz wachsen» zeigt jedoch, dass die Menschen in der Schweiz mit ihrer Wohnsituation mehrheitlich zufrieden sind. Im Interview spricht Studienautor Jakub Samochowiec über die Zukunft des Wohnens.
21 April, 2026 durch
Luft nach oben: So funktioniert Verdichtung in der Schweiz
GDI Gottlieb Duttweiler Institute
Wieso eckt die Wohnfrage in der Schweiz so oft an?

Jakub Samochowiec: Insbesondere in Ballungszentren ist die Wohnungssuche ein Thema, das viele Menschen beschäftigt. Bezahlbarer Wohnraum, teure Neubauprojekte aber auch ein Anstieg der Bevölkerung sind heiss diskutiert. Zusätzlich befeuert die anstehende Volksabstimmung «Keine 10-Millionen-Schweiz» die öffentliche Debatte. Dabei zeigen unsere Daten, dass drei von vier Menschen mit ihrer Wohnsituation zufrieden sind. Von einem Leidensdruck kann also kaum die Rede sein.

«So will die Schweiz wachsen»

Eine repräsentative Umfrage von über 2 000 Menschen aus der deutschen, französischen und italienischen Schweiz gibt Aufschluss über die Einstellung der Schweizer Bevölkerung rund um das Thema wohnen und bauen. Die im Auftrag des Migros-Pionierfonds durchgeführte Umfrage öffnet Denkräume und macht Chancen sichtbar. Und sie dient dem Migros-Pionierfonds als Grundlage für die Auswahl von Förderprojekten.

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Ist das in zehn Jahren noch immer der Fall?

Jakub Samochowiec: Zwei Drittel der Befragten möchten auch dann noch immer am gleichen Ort wohnen. Erstaunlicherweise mag sogar die Hälfte der unter 30-Jährigen ihren Wohnsitz in den nächsten zehn Jahren nicht wechseln. Das zeigt schon, dass es für viele derzeit keinen Druck gibt, etwas an ihrer persönlichen Wohnsituation zu verändern und sie sich langfristig am gleichen Wohnort sehen. Gleichzeitig ist vielen bewusst, dass wir mit dem Wachstum der Bevölkerung auch die Art und Weise, wie wir zusammenleben, verändern müssen.

Gibt es dazu Unterschiede in der Bevölkerung? Etwa beim berüchtigten Stadt-Land-Graben?

Jakub Samochowiec: Sowohl die Altersgruppen wie auch die Bewohner*innen von Stadt, Land und Agglo unterscheiden sich kaum. Das politische Spektrum beeinflusst allerdings die wahrgenommene Änderungsnotwendigkeit entscheidend. Je rechter die bevorzugte politische Partei, desto weniger finden die Befragten, dass wir unser Zusammenleben verändern müssen. Menschen, die am ehesten mit SP oder den Grünen sympathisieren, stimmen fast doppelt so häufig zu (60%) wie solche, die der FDP oder SVP am nächsten stehen. Entsprechend beurteilen letztere konkrete Massnahmen wie Umzonungen oder den Bau kleinerer Wohnungen schlechter.

Jakub Samochowiec

Jakub Samochowiec
Senior Researcher und Speaker am GDI
Der promovierte Sozialpsychologe analysiert gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und deren Zusammenspiel. Insbesondere interessieren ihn dabei Geschichten, die wir uns über die Zukunft erzählen. 
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Welche Massnahmen für mehr Wohnraum haben in der Schweiz die besten Karten?

Jakub Samochowiec: Auf grosse Zustimmung stösst die Umnutzungen von Büro- und Industriebauten. Auch klassische Verdichtungsmassnahmen wie das Aufstocken bestehender Gebäude oder der Bau von höheren Neubauten werden von etwa der Hälfte der Befragten gutgeheissen und von einem weiteren Drittel teilweise unterstützt. Entsprechende Projekte tun gut daran, die Befürchtungen der Menschen rund um die Verdichtung ernst zu nehmen. Das sind etwa der Verlust von Grünflächen, die Zunahme von Lärm und Abfall oder Mieterhöhungen. Werden in der Raumplanung auch positive Massnahmen wie aufgewertete Grünräume, ÖV-Verbesserungen oder nachhaltige Bauweisen eingeplant, steigt die Akzeptanz der Verdichtung.

Wo akzeptieren die Menschen Verdichtung?

Jakub Samochowiec: Städter*innen und Menschen auf dem Land sind sich einig, dass die Verdichtung primär in Städten und der Agglomeration geschehen soll. Der Nimby-Effekt – also dass Menschen Veränderung zwar als notwendig erachten, diese aber lieber nicht in unmittelbarer Nähe umsetzen möchten (not in my backyard) – ist auf dem Land etwas höher. Unsere Daten zeigen, dass noch mehr Verdichtung vor allem dort akzeptiert wird, wo sie bereits Realität ist. Das könnte auch daran liegen, dass manche sich die Stadt bewusst als Wohnort aussuchen, gerade weil sie die Dichte schätzen, dass sie etwa viele unterschiedliche Menschen in kurzer Zeit antreffen, vielfältige Restaurants besuchen können und ein reichhaltiges kulturelles Leben antreffen.

Sind Grossstädte also unsere Zukunft?

Jakub Samochowiec: Hier zeigt sich ein Dilemma. Obwohl die Bevölkerung in der Schweiz die Verdichtung in Innenstädten breiter akzeptiert, ziehen viele das Leben auf dem Land vor. Eine Grossstadt ist nur für eine Minderheit ein Ort, an dem sie künftig leben möchten. Viel mehr Menschen aus der Stadt können sich ein Leben auf dem Land vorstellen als umgekehrt. Entscheidend ist aber auch, wie solche Super Cities aufgebaut sind. Werden diese mit Grünflächen angereichert und bieten dank einem gut ausgebauten ÖV-Netz schnellen Zugang zu Naherholungsgebiete, könnte das den Anreiz einer solchen Grossstadt erhöhen. Unsere Umfrageergebnisse zeigen, dass die Menschen Veränderungen beim Wohnraum grundsätzlich offen gegenüberstehen. Sie zeigen aber auch, wie diese Veränderungen anzugehen sind und welche Faktoren berücksichtigt werden müssen.

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