Am 11. Mai 2026 hat die Schweiz die natürlichen Ressourcen verbraucht, die ihr rechnerisch für das gesamte Jahr zusteht. Ab da leben wir ökologisch auf Kosten anderer Regionen und kommender Generationen. Würden alle Menschen so leben wie in der Schweiz, bräuchte die Menschheit 2,8 Erden (Global Footprint Network 2026).
Gian-Luca Savino
Senior Researcher und Speaker am GDI
Der promovierte Informatiker analysiert globale Trends in den Bereichen Technologie und Umwelt sowie deren Auswirkungen für Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft.
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Der Overshoot Day wird jährlich vom Global Footprint Network berechnet. Er vergleicht den ökologischen Fussabdruck eines Landes mit der weltweit verfügbaren Biokapazität pro Person. Der Fussabdruck misst die Nachfrage nach biologisch produktiven Flächen für Nahrung, Holz, Fasern, CO₂-Absorption und Infrastruktur. Liegt der Verbrauch über dem, was die Erde regenerieren kann, entsteht ein Defizit. Diese Grenze überschreitet die Schweiz früher als die meisten Länder.
Stagnation auf hohem Niveau
Beim Blick auf die Weltkarte der Country Overshoot Days zeigt sich: Die Schweiz liegt mit dem 11. Mai im oberen Drittel der Überverbraucher und deutlich vor dem globalen Earth Overshoot Day, der zuletzt auf den 24. Juli fiel.
Quelle: Global Footprint Network (2026). Country Overshoot Days basierend auf den National Footprint and Biocapacity Accounts 2025 Edition. overshootday.org
* Earth Overshoot Day 2026 wird am 5. Juni verkündet; Angabe basiert auf 2025.
Die Spalte «Veränderung zum Vorjahr» zeigt, um wie viele Tage sich der Overshoot Day eines Landes durch reales Konsumverhalten verschoben hat. Positive Werte bedeuten eine Entlastung, negative einen steigenden Ressourcenverbrauch. Die Bewegungen fallen fast überall gering aus. Der Trend stagniert damit in vielen Ländern auf hohem Niveau (Global Footprint Network, Country Overshoot Days 2026).
Der unsichtbare Treiber: CO₂
Rund 72 Prozent des Schweizer Fussabdrucks entfallen auf den CO₂-Ausstoss (Global Footprint Network, Switzerland Fact Sheet). Damit ist der Overshoot Day primär ein Klimaproblem. Und hier zeigt sich die direkte Verbindung zur beschleunigten Erderwärmung.
Bereits 2024 war die Schweiz +3,3°C wärmer als im vorindustriellen Durchschnitt (MeteoSchweiz 2026). Das ist mehr als doppelt so viel wie der globale Durchschnitt von +1,55°C (WMO 2025). Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent (EEA/Copernicus 2025). Dafür verantwortlich sind vor allem die Nähe Europas zur sich besonders rasch erwärmenden Arktis sowie in den Alpen der Albedo-Effekt, bei dem schwindende Schnee- und Eisflächen dunklen Boden freilegen, der Sonnenstrahlung absorbiert statt reflektiert (Copernicus 2025; MeteoSchweiz 2025). Ein Trend, der weiter ansteigt, denn die letzten zehn Jahre waren die zehn wärmsten seit Messbeginn.
Abweichung der Jahresmitteltemperatur vom vorindustriellen Durchschnitt. Quellen: WMO State of Global Climate 2024; EEA/Copernicus ESOTC 2024; MeteoSchweiz.
Diese Erwärmung hat Konsequenzen, die in der Schweiz bereits spürbar sind: Wirtschaftliche Schäden durch Extremwetter in Europa haben sich seit den 1980er-Jahren verfünffacht, von durchschnittlich 8,6 auf 44,9 Milliarden Euro pro Jahr (EEA 2025). Die Schweiz erlebte 2024 mit 905 Millionen Franken Unwetterschäden eines ihrer teuersten Jahre (WSL 2025). Und entlang globaler Lieferketten verursachen klimabedingte Ernteausfälle jährlich Verluste von 123 Milliarden US-Dollar (FAO 2023).
Was die Erwärmung für Bergregionen bedeutet
Im Rahmen eines Strategic-Foresight-Projekts hat die Schweizer Berghilfe gemeinsam mit dem GDI in die Zukunft geblickt, um die künftigen Herausforderungen der Bergbevölkerung frühzeitig zu verstehen. Die im Prozess entwickelten Zukunftsbilder sowie die möglichen Rollen der Berghilfe im Jahr 2040 bilden die Grundlage für die weitere Strategieentwicklung der Schweizer Berghilfe.
Die Implikationen der globalen Erwärmung wurden intensiv diskutiert, unter anderem im Sinne einer möglichen «Klima-Gentrification»: Eine Höhenlage von rund 1 200 Metern könnte zur strategisch wertvollsten Lage des 21. Jahrhunderts werden. Diese Gebiete werden zunehmend als «klimatische Goldilocks-Zone» identifiziert: Nicht zu heiss, nicht zu gefährlich und ökologisch resilient.
Bauland in diesen Höhenlagen ist begrenzt. Die Kombination aus «sicher vor Hitze» und «rechtlich bebaubar» macht bestehende Objekte auf dieser Höhe zu einem sehr knappen Gut mit direkten Auswirkungen auf die zukünftige Rolle der Schweizer Berghilfe.
Der Overshoot Day macht das Abstrakte als Datum greifbar. Denn die oben erwähnten Zahlen zeigen, dass die Schweiz mehr CO₂ ausstösst, als die verfügbaren Ökosysteme absorbieren können.
Was der Overshoot Day nicht zeigt
Gleichzeitig erfasst der Ecological Footprint nur einen Teil der ökologischen Krise. Er misst den Verbrauch biologisch produktiver Flächen und die CO₂-Absorption. Was er nicht abbildet:
- Biodiversitätsverlust: Der Living Planet Index zeigt einen Rückgang der Wildtierpopulationen um 73 Prozent seit 1970 (WWF 2024). In der Schweiz ist ein Drittel aller Arten gefährdet (BAFU 2025).
- Chemische Verschmutzung: Die Planetare Belastungsgrenze für neuartige Substanzen (PFAS, Mikroplastik, synthetische Chemikalien) ist seit 2022 überschritten (Persson et al. 2022). PFAS finden sich in der Hälfte aller Schweizer Grundwasser-Messstellen (BAFU 2024).
- Wasserverbrauch: 4 Milliarden Menschen leben unter extremem Wasserstress (WRI Aqueduct 2023); die Schweiz ist über ihre Lieferketten indirekt davon betroffen.
Ein umfassenderes Bild liefert das Konzept der Planetaren Belastungsgrenzen (Planetary Boundaries). Von neun definierten Grenzen sind sieben bereits überschritten: Klimawandel, Biodiversität, Landnutzung, Süsswasser, Stickstoff/Phosphor, neuartige Substanzen und seit 2025 auch Ozeanversauerung (Stockholm Resilience Centre, Planetary Health Check 2025). Nur die Ozonschicht und die Aerosolbelastung befinden sich noch im sicheren Bereich.
Systemische Veränderungen sind nötig
Der Swiss Overshoot Day ist ein wirkungsvolles Kommunikationsinstrument. Aber ein Datum allein verschiebt keine Grenzen. Was es braucht, sind systemische Veränderungen, und einige davon sind in der Schweiz bereits in Gang:
- Das Klimaschutzgesetz (KlG), seit Januar 2025 in Kraft, verankert das Netto-Null-Ziel 2050 gesetzlich und stellt 3,2 Milliarden Franken für den Umbau bereit (BAFU 2025). Die Erreichung der Klimaziele würde den Overshoot Day um geschätzte 93 Tage nach hinten verschieben (Global Footprint Network 2025).
- Die CO₂-Abgabe von 120 CHF/t gehört zu den höchsten weltweit (BAFU 2025). Die Verknüpfung des Schweizer Emissionshandels mit dem EU-ETS seit 2020 sichert die Gleichbehandlung mit europäischen Industrieunternehmen.
- Im Ernährungssystem – verantwortlich für rund 31% der globalen Treibhausgasemissionen (FAO 2024) – ist die Schweiz beim Bio-Konsum globale Spitzenreiterin mit 468 CHF pro Kopf und Jahr (Bio Suisse 2025). Das senkt den ernährungsbedingten Fussabdruck durch geringeren Dünger- und Pestizideinsatz.
Auch Unternehmen müssen ihre Verantwortung in diesem System wahrnehmen. Da die Klimaerwärmung direkte Auswirkungen auf Geschäftsmodelle hat, von Versicherungsrisiken über Lieferkettenstabilität bis zu regulatorischen Rahmenbedingungen, ist eine Auseinandersetzung mit diesem GDI Major Shift auch aus ökonomischer Sicht entscheidend – zumal bei den meisten Firmen 70 bis 90 Prozent der Emissionen in Lieferkette und Produktnutzung entstehen (CDP 2024).
Individuelle Verhaltensänderungen können den Fussabdruck ebenfalls beeinflussen. Der Grossteil hängt jedoch von politischen Rahmenbedingungen, Infrastrukturentscheidungen und der Transformation von Energie-, Ernährungs- und Produktionssystemen ab.
Der Overshoot Day erinnert uns daran, dass die Zeit drängt.
- BAFU (2024): PFAS im Grundwasser — den «Forever Chemicals» auf der Spur. https://www.bafu.admin.ch/de/pfas-im-grundwasser-den-forever-chemicals-auf-der-spur
- BAFU (2025): CO₂-Abgabe. https://www.bafu.admin.ch/de/co2-abgabe
- BAFU (2025): Klimaschutzgesetz. https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/klima/dossiers/klimaschutzgesetz.html
- BAFU (2025): Kreislaufwirtschaft. https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/abfall/fachinformationen/abfallpolitik-und-massnahmen/kreislaufwirtschaft.html
- BAFU (2025): Zustand der Biodiversität in der Schweiz. https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/biodiversitaet/fachinformationen/zustand-der-biodiversitaet-in-der-schweiz.html
- Bio Suisse (2025): Bio in Zahlen. https://www.bio-suisse.ch/de/unser-verband/bio-suisse-portraet/bio-in-zahlen.html
- CDP (2024): Corporate Environmental Action: CDP Global Disclosure Analysis. https://www.cdp.net/en/
- Circularity Gap Report Switzerland (2023). https://www.circularity-gap.world/switzerland
- EEA (2025): Economic losses from climate-related extremes in Europe. https://www.eea.europa.eu/en/analysis/indicators/economic-losses-from-climate-related
- EEA/Copernicus (2025): European State of the Climate 2024. https://climate.copernicus.eu/esotc/2024
- FAO (2023): The Impact of Disasters on Agriculture and Food Security 2023. [URL nicht mehr erreichbar; Bericht über FAO-Publikationsdatenbank abrufbar]
- Global Footprint Network (2026): Country Overshoot Days 2026. https://overshoot.footprintnetwork.org/newsroom/country-overshoot-days/
- Global Footprint Network: Switzerland Fact Sheet. https://data.footprintnetwork.org
- MeteoSchweiz (2026): Klimawandel in der Schweiz. https://www.meteoschweiz.admin.ch/klima/klimawandel.html
- Persson, L. et al. (2022): Outside the Safe Operating Space of the Planetary Boundary for Novel Entities. Environmental Science & Technology. https://doi.org/10.1021/acs.est.1c04158
- Proviande (2025): Der Fleischmarkt in Zahlen. https://www.proviande.ch/de/der-fleischmarkt-in-zahlen
- Richardson, K. et al. (2023): Earth beyond six of nine planetary boundaries. Science Advances. https://doi.org/10.1126/sciadv.adh2458
- WMO (2025): State of the Global Climate 2024. https://public.wmo.int/publication-series/state-of-global-climate/state-of-global-climate-2024
- WRI (2023): 25 Countries Face Extremely High Water Stress. https://www.wri.org/insights/highest-water-stressed-countries
- WSL (2025): Unwetter 2024 — viele Todesopfer und hohe Kosten. https://www.wsl.ch/en/news/unwetter-2024-viele-todesopfer-und-hohe-kosten/
- WWF (2024): Living Planet Report 2024. https://livingplanet.panda.org