Sie sagen, das Ernährungssystem sei für eine Welt optimiert worden, die es so nicht mehr gibt. Was hat sich grundlegend verändert? Und weshalb unterscheidet sich die aktuelle Situation von früheren Disruptionen?
Sara Roversi: Über Jahrzehnte hinweg wurde das Ernährungssystem auf der Basis von festen Annahmen gestaltet: ein relativ stabiles Klima, vorhersehbare Lieferketten, reichlich verfügbare natürliche Ressourcen und Konsument*innen, die weitgehend von den Folgen ihrer Entscheidungen entkoppelt waren.
Heute wird jede einzelne dieser Annahmen infrage gestellt. Die Volatilität des Klimas verändert die landwirtschaftliche Produktivität. Geopolitische Spannungen beeinträchtigen den Austausch von Lebensmitteln, Energie und Düngemitteln. Demografische Veränderungen beeinflussen Konsummuster. Die technologische Entwicklung beschleunigt sich schneller, als sich Institutionen anpassen können. Gleichzeitig entwickelten sich die früher eher passiven Konsument*innen in aktive Beteiligte, die Transparenz, Verantwortlichkeit und Sinnhaftigkeit einfordern.
Was die aktuelle Situation auszeichnet, ist nicht das Ausmass eines einzelnen Umbruchs, sondern dass all diese Entwicklungen gleichzeitig stattfinden und sich gegenseitig beeinflussen. Wir erleben keine vorübergehende Krise innerhalb des Ernährungssystems. Wir erleben den Übergang zu einem neuen Paradigma. Die eigentliche Frage lautet nicht mehr, wie wir Ernährungssysteme effizienter machen, sondern wie wir sie ausrichten: ausschliesslich auf Produktivität oder auf Resilienz, Regeneration, Gesundheit und gemeinsamen Wohlstand.
Live an der GDI-Foodkonferenz
Sara Roversi ist Gründerin und Präsidentin des Future Food Institute und engagiert sich weltweit für nachhaltige und resiliente Ernährungssysteme. Erleben Sie sie am 18. Juni live als Referentin an der International Food Innovation Conference!
Klimawandel, geopolitische Spannungen, demografischer Wandel, technologische Innovationen oder schwindendes Konsumentenvertrauen: Welche dieser Entwicklungen wird von der Lebensmittelbranche am meisten unterschätzt – und warum?
Sara Roversi: Vertrauen.
Der Klimawandel dominiert die Schlagzeilen. Über geopolitische Instabilität wird in jeder Geschäftsleitung diskutiert. Technologie zieht Investitionen und Aufmerksamkeit auf sich. Vertrauen hingegen wird häufig als Kommunikationsaufgabe betrachtet. Tatsächlich entwickelt es sich jedoch zu einer der strategisch wichtigsten Ressourcen des 21. Jahrhunderts.
Die Menschen verstehen zunehmend, dass ihre Ernährungsentscheidungen Auswirkungen auf Gesundheit, Biodiversität, lokale Wirtschaftskreisläufe und das Klima haben. Sie wollen nicht nur wissen, was sie essen, sondern auch, welche Zukunft sie mit ihren Entscheidungen unterstützen.
Die erfolgreichsten Unternehmen sind künftig nicht zwangsläufig jene mit den fortschrittlichsten Technologien. Erfolgreich werden diejenigen sein, die Integrität, Transparenz und echten Mehrwert über den reinen Profit hinaus glaubwürdig vermitteln können. Vertrauen ist längst keine reine Marketingaufgabe mehr. Es wird zur grundlegenden Voraussetzung, um überhaupt wirtschaften zu können.
Künstliche Intelligenz dominiert derzeit die Diskussionen in nahezu allen Branchen. Welche Rolle spielt sie für die Zukunft der Ernährung? Und welche Risiken entstehen, wenn wir uns auf Technologie konzentrieren und dabei das grosse Ganze aus den Augen verlieren?
Sara Roversi: KI ist ein leistungsfähiges Werkzeug, aber keine Vision. Sie kann dazu beitragen, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern, den Wasserverbrauch zu optimieren, Klimarisiken frühzeitig zu erkennen und wissenschaftliche Entdeckungen zu beschleunigen. Ihr Potenzial ist aussergewöhnlich.
Doch Technologie wirkt als Verstärker. Sie verstärkt die Ziele, die wir ihr vorgeben. Die Gefahr besteht darin zu glauben, technologische Raffinesse führe automatisch zu gesellschaftlichem Fortschritt. Ernährungssysteme sind nicht nur technische Systeme. Sie sind kulturelle, ökologische und menschliche Systeme. Wenn wir ausschliesslich auf Effizienz optimieren, laufen wir Gefahr, Ausbeutung und Ungleichheit zu beschleunigen. Wenn wir hingegen auf Regeneration, Resilienz und Wohlbefinden ausrichten, kann KI zu einer der transformativsten Kräfte werden, die uns zur Verfügung stehen. Die Algorithmen sind bereit. Die eigentliche Frage ist, ob wir bereit sind, ihnen zu sagen, worauf sie optimieren sollen.
Die Lebensmittelindustrie ist geprägt von schrittweisen Innovationen. Wie würde ein wirklich systemischer Sprung aussehen?
Sara Roversi: Ein systemischer Sprung beginnt dort, wo wir aufhören, Lebensmittel als Ware zu betrachten, und anfangen, sie als öffentliches Gut zu verstehen. Ernährung verbindet menschliche Gesundheit, Umweltgesundheit, wirtschaftliche Entwicklung, sozialen Zusammenhalt und sogar Frieden. Dennoch steuern wir diese Bereiche weiterhin getrennt voneinander.
Der nächste grosse Schritt ist daher nicht nur technologischer Natur. Er ist systemisch. Das bedeutet, Landwirtinnen und Landwirte nicht allein für Erträge zu belohnen, sondern auch für die Wiederherstellung von Böden, Biodiversität, Wassersystemen und der Resilienz von Gemeinschaften. Es bedeutet, Ernährungspolitik mit Gesundheits-, Klima-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik zu verbinden. Und es bedeutet, Erfolg nicht nur über Produktivität zu messen, sondern auch über Fruchtbarkeit, Wohlstand und Langlebigkeit. Die Zukunft wird nicht allein durch intelligentere Produkte gestaltet. Sie entsteht durch intelligentere Ökosysteme.
Was würden Sie Geschäftsführer*innen raten, die nicht wissen, wo sie anfangen sollen?
Sara Roversi: Beginnen Sie mit einer anderen Frage. Nicht: «Wie kann ich mein Unternehmen nachhaltiger machen?», sondern: «Welche Rolle übernimmt meine Organisation, um die Zukunft zu gestalten, in der wir leben möchten?» Die erfolgreichsten Unternehmen des kommenden Jahrzehnts werden verstehen, dass Resilienz zur neuen Wachstumsstrategie wird.
Mein Rat ist einfach: Verstehen Sie Ihre Abhängigkeiten von Natur, Gemeinschaften und Vertrauen. Investieren Sie in regenerative Fähigkeiten, statt lediglich Schäden zu reduzieren. Beziehen Sie junge Menschen als Mitgestaltende ein. Und entwickeln Sie sich von der reinen Regelkonformität hin zu einem sinnstiftendem Ziel. Wer auf Gewissheit wartet, verpasst es, den Wandel mitzugestalten. Er wird von jenen angeführt, die handeln, bevor Gewissheit herrscht.
Sie haben Living Labs aufgebaut, Studienprogramme mitentwickelt und an Initiativen der internationalen Ernährungspolitik mitgewirkt. Wo beginnt echte Transformation?
Sara Roversi: Transformation beginnt bei den Menschen.
Politik ist wichtig. Unternehmen sind wichtig. Wissenschaft ist wichtig. Doch isoliert können sie keine Systeme verändern. Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen, lokalen Gemeinschaften und Initiativen der Ernährungsdiplomatie bin ich überzeugt: Unsere grösste Herausforderung ist weder technologischer noch finanzieller Natur. Sie ist kulturell: Wir brauchen Führungspersönlichkeiten, die in Systemen statt in Silos denken.
Deshalb haben wir die Living Labs geschaffen: Orte, an denen Landwirte, Unternehmerinnen, Wissenschaftler, politische Entscheidungsträgerinnen sowie junge Führungskräfte gemeinsam lernen und gemeinsam Zukunft erproben können.
Die Zukunft der Ernährung wird nicht von einer einzelnen Institution oder einem einzelnen Sektor gestaltet werden, sondern aus neuen Allianzen zwischen Gemeinschaften, Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft und der Natur selbst. Denn letztlich ist Ernährung weit mehr als das, was wir essen. Ernährung gehört zu den wirkungsvollsten Instrumenten der Menschheit, um die Beziehung zwischen Menschen, Planet und Wohlstand neu zu gestalten und zu regenerieren.
«Recoding Food»: Die GDI-Foodkonferenz
Wie gelingt der Wandel zu resilienten Ernährungssystemen? An der International Food Innovation Conference am GDI diskutiert Sara Roversi gemeinsam mit weiteren international renommierten Expert*innen, wie Technologie, Vertrauen und neue Formen der Zusammenarbeit die Zukunft der Lebensmittelwirtschaft prägen. Seien Sie am 18. Juni mit dabei.