Ausblick 2026: Vier tiefgreifende Verschiebungen im Fokus

Für den Ausblick auf 2026 greifen wir auf das GDI Major Shifts Framework zurück. Es dient nicht dazu, kurzfristige Trends zu benennen, sondern hilft, tiefgreifende, langfristige Veränderungen zu beschreiben. Aus diesem Framework haben wir vier Major Shifts ausgewählt, die wir für 2026 als besonders relevant erachten: Polykrise, Circularity, die Infrastrukturalisierung von KI und ja, auch die Globale Erwärmung.
15 Januar, 2026 durch
Ausblick 2026: Vier tiefgreifende Verschiebungen im Fokus
GDI Gottlieb Duttweiler Institute, Joschka Proksik
1. Polykrise: Komplexe Krisenlagen nehmen tendenziell zu

Polykrisen entstehen durch die enge Vernetzung gesellschaftlicher, geopolitischer, wirtschaftlicher, technologischer und ökologischer Entwicklungen. Diese Vernetzung verstärkt Krisendynamiken, lässt lokale Ereignisse global wirken und erhöht Unvorhersehbarkeiten. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie rasch solche Verflechtungen Krisendynamiken verstärken können. Der Krieg in der Ukraine beeinflusste Energiepreise, Lieferketten und geopolitische Dynamiken weit über Europa hinaus.

Vieles deutet darauf hin, dass die Polykrisen der vergangenen Jahre erst einen Vorgeschmack darauf geben, wie komplex und vernetzt zukünftige Krisenlagen sein können. Diese Entwicklung verlangt von Entscheidungsträgern ein Denken, das Wechselwirkungen, Rückkopplungs- und Zweitrundeneffekte systematisch mit einbezieht. In den vergangenen Jahren wurde diesen Entwicklungen auf gesellschaftlicher Ebene häufig mit dem Begriff der Resilienz und auf wirtschaftlicher und politischer Ebene mit Strategien des Derisking begegnet. Diese Ansätze schaffen Puffer und reduzieren Risiken, doch sie können die strukturellen Herausforderungen einer eng verflochtenen Welt nicht vollständig auffangen. 

Die Vernetzung bietet auch Chancen. Für 2026 lohnt es sich, das Gegenstück zur Polykrise mitzudenken: das Konzept der Polyemergenz. Es beschreibt das gleichzeitige Entstehen und die synergetische Verbreitung positiver Dynamiken, die sich über mehrere Ebenen hinweg gegenseitig verstärken können. Ein Beispiel dafür zeigt sich im rasanten globalen Ausbau der Photovoltaik, die von einer Raumfahrttechnologie über eine klimapolitisch getriebene Nutzung zu einer global wettbewerbsfähigen Energiequelle geworden ist. Polyemergenz unterstreicht, dass in globaler Kooperation und vernetzter Adaption ein bedeutendes Potenzial liegt, die grossen Herausforderungen der kommenden Jahre zu bewältigen.

2. Circularity: Von Pilotprojekten zur skalierbaren Umsetzung

Circularity beschreibt einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Produkten, Materialien und Ressourcen. Der Shift reicht weit über Recycling hinaus und umfasst langlebige Designs, Reparaturfähigkeit, Reuse-Modelle, Materialsubstitution und regenerative Wertschöpfung. Während Circularity lange als Vision für eine nachhaltigere Zukunft galt, häufen sich die Signale, dass 2026 ein Jahr des Übergangs von Pilotprojekten in skalierbare Umsetzung werden könnte. Unternehmen aus Mode, Möbelbau oder Konsumgüterindustrie – von IKEA über H&M bis hin zu Nestlé – schärfen Ziele, investieren in Rücknahmesysteme, entwickeln kreislauffähige Materialien und Verpackungen.

Gleichzeitig bereitet die EU mit dem Circular Economy Act einem regulatorischen Rahmen vor, der ab 2026 die Grundlage für einen echten Binnenmarkt für Sekundärrohstoffe legen und in Bereichen wie Elektronik und Batterien die Rückgewinnung kritischer Rohstoffe deutlich vorantreiben soll. Neue Instrumente wie der Digitale Produktpass, mit Informationen zu Materialien, Reparatur und Recycling, sollen diesen Wandel zusätzlich beschleunigen. 

Circularity bewegt sich weg vom ökologischen Wohlfühlthema zum wirtschaftlichen und strategischen Faktor. Zugleich bleibt klar, dass dieser Wandel anspruchsvoll ist. Circularity ist keine Abkürzung zur Nachhaltigkeit, sondern verlangt tiefgreifende Veränderungen in Design, Produktion, Konsum und Infrastruktur. Gerade darin liegt ihre Bedeutung, denn sie berührt nicht nur Fragen der Ressourcennutzung, sondern verändert, wie Wertschöpfung entlang von Design, Produktion und Nutzung gedacht wird.

3. Infrastrukturalisierung von KI: Chancen und Gefahren kristallisieren sich

2025 war in der Schweiz das Jahr, in dem erstmals eine Mehrheit der Bevölkerung KI-Anwendungen aktiv nutzte. Chatbots und Copilots machten generative KI im Alltag erfahrbar. Für 2026 zeichnet sich die nächste Phase ab, in der KI zunehmend in physische, digitale und institutionelle Infrastrukturen integriert wird und dort oft unsichtbar, aber wirksam mitsteuert. Dieser Wandel zeigt sich dort, wo Systeme nicht mehr nur vordefinierten Regeln folgen, sondern Zustände erfassen, einordnen und kontextabhängig reagieren können.

In der urbanen Infrastruktur wird KI in Verkehrssteuerung, Energieverteilung und Wassermanagement eingebettet, um Systeme in Echtzeit zu stabilisieren und effizienter zu machen. Auch in der Industrie verändert sich der Einsatz von KI: Produktionssysteme werden adaptiver, Wartung vorausschauender und Prozesse kontinuierlich optimiert. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in der Medizintechnik, wo KI Bestandteil diagnostischer Geräte, klinischer Entscheidungsunterstützung und Krankenhauslogistik wird und damit im Hintergrund kritischer Versorgungssysteme wirkt.

2026 wird sich vermutlich weniger darum drehen, welches Sprachmodell das leistungsfähigste ist. Entscheidend wird sein, wo KI tatsächlichen Mehrwert schafft und Systeme robuster, effizienter und steuerungsfähiger macht. Mit der flächendeckenden Integration entstehen aber auch Risiken. Wo KI in Betriebssysteme unserer Gesellschaft eingebettet wird, vervielfältigen sich nicht nur Effizienzgewinne, sondern auch potenzielle Fehlerquellen, Abhängigkeiten und systemische Verwundbarkeiten. Gerade deshalb markiert die Infrastrukturalisierung von KI einen strukturellen Wendepunkt, an dem sich Chancen und Gefahren dieser Technologie zunehmend zeigen dürften.

4. Globale Erwärmung: Zurück in den Fokus

2025 war ein Jahr, in dem es um die globale Erwärmung erstaunlich leise wurde. Nicht, weil sie an Bedeutung verloren hätte, sondern weil andere Krisen lauter waren. Geopolitische Konflikte, Handelskriege, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Polarisierung haben das dominierende Umweltthema unserer Zeit weitgehend aus dem öffentlichen Fokus gedrängt. Der Eindruck entstand, als liesse sich der Klimawandel vertagen oder schlicht ausblenden. Für 2026 lohnt ein Perspektivwechsel. Nicht, weil das kommende Jahr zwingend extremer sein wird als andere, sondern weil die globale Erwärmung nicht verschwinden wird, nur weil kurzfristige Krisen Aufmerksamkeit binden.

Der Klimawandel wirkt unabhängig von Konjunkturzyklen, Wahlkämpfen und geopolitischen Eskalationen. Seine Folgen zeigen sich in Wasserknappheit, Ernteausfällen und wirtschaftlichen Schäden, kumulativ und langfristig mit kaum reversiblen Folgen. Als Major Shift steht die globale Erwärmung für eine dauerhafte Verschiebung der Rahmenbedingungen menschlichen Daseins. Gerade weil sie 2025 scheinbar in den Hintergrund gerückt ist, gehört sie 2026 wieder in den Vordergrund strategischer Debatten. Nicht als kurzfristiger Alarm, sondern als langfristige Realität, die alle anderen Entwicklungen mitprägt. Gerade in einer Welt begrenzter globaler Verbindlichkeit bleibt die strategische Auseinandersetzung mit den Folgen der globalen Erwärmung zentral.

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