Verschwörungstheorien, Deep Fakes und Misstrauen in die Politik: Befinden wir uns derzeit in einer Vertrauenskrise?
Julia Ebner: Wir sind tief in einer Vertrauenskrise: Sie betrifft die Medien, Wissenschaft, Privatunternehmen, Politik und die Demokratie selbst, wie der Edelman Trust Index der letzten Jahre zeigt. Ihr Auslöser liegt in einer Kombination aus unterschiedlichen Faktoren: die Polykrise, Informationsüberflutung, gezielte Desinformationskampagnen durch staatliche Akteure wie Russland, China und Iran und nicht-staatliche extremistische Netzwerke. In Vertrauenskrisen sehnen sich viele Menschen nach starken charismatischen Führungspersonen – das ist für Demokratien eine besonders gefährliche Dynamik.
Welche Mechanismen werden zur Verbreitung von Falschinformationen und Verschwörungstheorien genutzt? Welche Rolle spielt KI dabei?
Julia Ebner: Die Verbreitung von Falschinformationen folgt einem klaren Muster: Es werden emotionalisierte Inhalte zu polarisierenden Themen erstellt, die dann algorithmisch belohnt werden und manchmal von Trollarmeen oder Bots weiter verstärkt werden. Der Einsatz von KI-basierten Technologien hat sowohl die Qualität als auch die Quantität von Desinformationsinhalten massiv verändert. Deep Fakes machen es schwerer, authentische Videos von künstlich generierten oder bearbeiteten zu unterscheiden. Gleichzeitig erhöhen Bots und KI-gestützte Netzwerke die Reichweite von Verschwörungsinhalten.
Wie wichtig ist Digitalkompetenz in einer KI-geprägten Zukunft?
Julia Ebner: Digitalkompetenz ist enorm wichtig, besonders ein Verständnis für die eigene Psychologie in digitalen Räumen. Wenn wir unsere kognitiven Verzerrungen, emotionalen Trigger und unser Verhalten als Individuen, Gruppen und als Gesellschaft im Umgang mit digitalen Technologien besser verstehen, dann ist das der erste wichtige Schritt für eine gesamtgesellschaftliche Resilienz gegen die dunklen Seiten von KI.
Dr. Julia Ebner ist eine weltweit führende Expertin für Online-Radikalisierung, Verschwörungsmythen und Bedrohungen für Demokratie und Minderheitenrechte sowie Terrorismusprävention. Sie leitet das Violent Extremism Lab an der Oxford Universität und ist Co-Executive Director am Institute for Strategic Dialogue (ISD).
Welchen Quellen vertrauen Menschen eher? Was passiert mit dem Vertrauen in der Zukunft, wenn es immer schwieriger wird, Informationen auf Echtheit zu prüfen?
Julia Ebner: Leider ist unser Vertrauen oft personenbasiert, das zeigt sich besonders auf Social Media, wo Influencer häufig mehr Glaubwürdigkeit bei ihren Followers geniessen als etablierte Institutionen mit Expertise. Wenn wir nicht aufpassen, besteht die Gefahr, dass wir in ein digitales Mittelalter schlittern. Wir sehen bereits erste Anzeichen davon: eine Rückkehr vom Logos zum Mythos, Angriffe auf die Wissenschaft, und eine Verbreitung autoritärer Regime, die die Grundlagen der Demokratie und des Rechtstaates auf die Probe stellen.
Inwiefern können sich Organisationen und Unternehmen vor Desinformationskamapagnen schützen?
Julia Ebner: Organisationen und Unternehmen sind zunehmend von Desinformationskampagnen gegen ihre Produkte, Services, Führungspersonen und Mitarbeiter*innen betroffen. Viele Organisationen sind nicht ausreichend vorbereitet, doch Resilienz aufzubauen erfordert nicht viel: ein gutes Monitoring-System, in-house oder ausgelagerte Expertise zum Thema Desinformation und Pläne für Krisenszenarien sind enorm wichtig. Transparenz in der Kommunikation kann auch hocheffektiv sein, um «Prebunking» zu betreiben, damit «Debunking» gar nicht erst notwendig wird. Eine funktionierende Schnittstelle zu Tech-Plattformen, Medien und Faktenfindern kann hilfreich sein, wenn eine Organisation schnell auf eine Kampagne reagieren muss.
Wie können Unternehmen digitales Vertrauen fördern?
Julia Ebner: Unternehmen haben eine unterschätzte Rolle und können das digitale Vertrauen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene fördern, indem sie klare Standards für Transparenz, verantwortungsvolle Verwendung von KI und proaktive Kommunikation setzen. Ausserdem haben Unternehmen einen grossen Multiplikator-Effekt. Der Business Council for Democracy – eine Initiative, die vom Institute for Strategic Dialogue, der Hertie School und der Bosch Stiftung entwickelt wurde – ist ein Beispiel dafür, wie Unternehmen gemeinsam digitale Resilienz und demokratische Werte fördern können.
Julia Ebner live am Europäischen Trendtag
Am Europäischen Trendtag vom 25. März 2026, zeigt die Wissenschaftlerin, Bestsellerautorin und Co-Executive Direktorin am Institute for Strategic Dialogue (ISD) in ihrer Keynote «Wenn Extreme zum Mainstream werden: Aufmerksamkeit, Verstärkung und demokratische Fragilität», was das heutige Informationschaos ermöglicht und wem es dient. Das Konferenzthema lautet «Reclaiming Focus: How to Stand Out in a World of Constant Noise». Freuen Sie sich auf kuratierte Insights, inspirierende Best Practices und internationale Perspektiven.