Stationärer Handel als Chance: Der Buchladen als Ort der Inspiration

Der stationäre Handel gilt vielen als Branche im Krisenmodus. Thalia-Chef Ingo Kretschmar hingegen expandiert und investiert in neue Geschäftsfelder. Im GDI-Interview spricht er über die Zukunft physischer Läden, kulturelle Trends als Wachstumstreiber und Zuversicht als Wettbewerbsvorteil in unsicheren Zeiten.
9 Juni, 2026 durch
Stationärer Handel als Chance: Der Buchladen als Ort der Inspiration
GDI Gottlieb Duttweiler Institute
Herr Kretzschmar, Thalia wurde 1919 als eine einzelne Buchhandlung gegründet und hat seitdem den Weltkrieg, Wirtschaftskrisen und die Amazon-Disruption überlebt. Heute umfasst das Netzwerk von Thalia rund 570 Buchhandlungen und verzeichnete 2025 ein Umsatzwachstum von 14 Prozent. Wie zuversichtlich sind Sie, dass diese Erfolgsgeschichte weitergeht?

Ingo Kretzschmar: Ich bin sehr zuversichtlich – gerade weil wir uns nie darauf verlassen haben, dass Erfolg selbstverständlich ist. Thalia hat sich immer wieder neu erfunden, ohne den eigenen Kern zu verlieren: Menschen für Geschichten, Wissen und Kultur zu begeistern. Genau darin liegt unsere Stärke. Wir verbinden die Kraft des stationären Handels mit einem klaren Blick nach vorn. Bücher sind kein beliebiges Produkt. Sie stiften Orientierung, Inspiration und Gemeinschaft. Deshalb bleiben Buchhandlungen relevant. Und weil wir zugleich entschlossen in Technologie, Logistik und neue Konzepte investieren, bin ich überzeugt: Diese Erfolgsgeschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Live an der GDI-Handelstagung

Als Vorsitzender der Thalia Geschäftsführung verantwortet Ingo Kretzschmar seit 2022 die strategische Weiterentwicklung von Europas führendem Buchhändler. Erleben Sie Kretzschmar am 16. und 17. September live auf der Bühne der Internationalen Handelstagung!

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Jedes Jahr schliessen stationäre Läden. Für 2026 werden allein in Deutschland rund 4900 Schliessungen erwartet. Hunderte Buchhandlungen verschwinden und ziehen sich aus Innenstädten zurück. Währenddessen eröffnen Sie neue Flagship Stores. Was sehen Sie, was andere nicht sehen?

Ingo Kretzschmar: Unsere Branche steht ohne Frage unter strukturellem Druck: steigende Energie- und Personalkosten, ein verändertes Konsumverhalten und vielerorts wenig attraktive Innenstädte. Hinzu kommt, dass der Buchhandel höhere Kosten wegen der Buchpreisbindung nicht einfach weitergeben kann. Gleichzeitig ist klar: Kundinnen und Kunden erwarten heute mehr als Regale mit Büchern. Sie erwarten ein attraktives Sortiment, kompetente Beratung, Aufenthaltsqualität und eine nahtlose Verbindung von stationärem und digitalem Einkauf.

Wir haben früh verstanden, dass die Zukunft nicht im Entweder-oder liegt, sondern im Zusammenspiel beider Welten. Deshalb investieren wir gezielt in moderne Buchhandlungen als kulturelle Treffpunkte – mit Veranstaltungen, Community-Flächen oder eigenen Cafés – und zugleich in Services wie Click & Collect. Unsere Überzeugung ist klar: Der stationäre Handel hat dann Zukunft, wenn er für die Menschen relevant bleibt.

Thalia Store Berlin
Sie expandieren mit «Spielzeit by Thalia» in den Spielwarenhandel und sehen Potenzial für bis zu 150 Läden. Gleichzeitig zeigen Beispiele wie Toys’R’Us, MyToys und Franz Carl Weber, wie schwierig der klassische Spielwarenhandel geworden ist. Warum sollte ausgerechnet ein Buchhändler schaffen, woran spezialisierte Spielwarenhändler gescheitert sind?

Ingo Kretzschmar: Weil wir Spielwaren nicht isoliert betrachten, sondern im Kontext von Familien, Freizeit und Lebenswelten. Unsere Kundinnen und Kunden suchen oft nicht nur Bücher, sondern Inspiration rund um Kinder, Lernen, Spielen und Schenken. Genau dort entstehen starke thematische Überschneidungen.

Zugleich bringen wir Voraussetzungen mit, die viele reine Spielwarenhändler so nicht hatten: ein dichtes Filialnetz in attraktiven Innenstadtlagen, hohe Kundenfrequenz, eine starke Marke und eine etablierte Omnichannel-Infrastruktur. Entscheidend wird sein, Spielwaren nicht austauschbar, sondern emotional, kuratiert und erlebnisorientiert zu präsentieren – also mit genau der Kompetenz, die uns auch im Buchhandel erfolgreich macht.

Thalia scheint ein gutes Gespür für Trends zu haben. Sie haben früh auf Manga gesetzt, als das noch eine Nische war, die New-Adult-Welle und BookTok ernst genommen, bevor sie im Feuilleton ankamen. Wie erkennen Sie, welche kulturellen Signale aus Nischen wirklich geschäftsrelevant werden?

Ingo Kretzschmar: Zunächst einmal: Wir glauben nicht an Trendforschung aus der Distanz. Unser Vorteil ist die Nähe zu den Menschen – in den Buchhandlungen, auf Social Media und in unseren Communities. Wenn junge Leserinnen und Leser nachts vor einer Buchhandlung campieren oder Millionen Menschen auf TikTok über bestimmte Bücher sprechen, dann ist das ein starkes Signal. Wichtig ist vor allem, solche Entwicklungen ernst zu nehmen, bevor sie im Mainstream angekommen sind. Manga, New Adult oder Romantasy Literatur wurden lange belächelt – heute prägen diese Bücher das Geschäft massgeblich. Entscheidend ist dann, schnell zu handeln: mit den richtigen Sortimenten, eigenen Flächen, Veranstaltungen und Teams, die diese Communities wirklich verstehen.

Sie führen ein Unternehmen mit rund 7000 Mitarbeitenden in einem Umfeld, das von aussen permanent als Krisenbranche beschrieben wird. Wie verhindern Sie, dass dieses negative Narrativ intern ansteckend wird?

Ingo Kretzschmar: Indem wir nicht über Krise reden, sondern über Möglichkeiten. Natürlich kennen auch unsere Mitarbeitenden die Schlagzeilen über den stationären Handel oder sinkende Leserzahlen. Aber gleichzeitig erleben sie jeden Tag, wie viele Menschen unsere Buchhandlungen besuchen, wie stark junge Zielgruppen lesen und wie emotional Bücher Menschen verbinden.

Ich glaube, Motivation entsteht vor allem durch Sinn und Gestaltungsmöglichkeiten. Entscheidend ist, worauf man den Blick richtet. Wer nur über Krise spricht, lähmt sich selbst. Wer über Chancen, Verantwortung und Gestaltung spricht, setzt Energie frei. Unsere Kolleginnen und Kollegen wissen, dass sie nicht einfach Produkte verkaufen. Sie schaffen Orte für Bildung, Begegnung und Kultur. Das ist kein Auslaufmodell – das ist gesellschaftlich relevant. Und genau mit diesem Selbstverständnis gehen wir nach vorn.

Erleben Sie Ingo Kretzschmar live am GDI

Ingo Kretzschmar spricht an der Internationalen Handelstagung des GDI über die Zukunft des stationären Handels und die Chancen, die sich hinter den aktuellen Krisennarrativen verbergen. Unter dem Motto «Retail Reality-Check: Zuversicht statt Dauerkrise» diskutieren am 17. und 18. September 2026 führende Köpfe aus Handel, Wirtschaft und Forschung, wie Unternehmen ihre Stärken selbstbewusst nutzen und neue Wachstumschancen erschliessen können. Wir freuen uns auf Sie!


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