Das wichtigste in Kürze
Grund 1: Fast 90% der Umsätze im Detailhandel werden physisch erzielt
Je nach Branche unterscheiden sich die Kanalanteile (online vs. offline) deutlich. Und in gewissen Sparten, beispielsweise der Bekleidungsindustrie, fällt bereits etwa ein Drittel auf den Online-Kanal (1). Dennoch wird die Dominanz des Onlinehandels teilweise massiv überschätzt. Auch wenn etablierte Lebensmittelhändler bereits seit Jahren stark in den digitalen Vertrieb investieren, bleibt der Onlinekauf von Lebensmitteln eine Seltenheit. In der Schweiz werden nur 3 Prozent der Umsätze im Lebensmittelhandel online erzielt. Und auch im Non-Food-Bereich liegt der Onlineumsatz knapp unter 20 Prozent. Der Grossteil der Umsätze, 88 Prozent, wird also nach wie vor im physischen Handel erzielt. (2)
Gianluca Scheidegger
Senior Researcher und Speaker am GDI
Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen mit den Schwerpunkten Handel und Konsumverhalten.
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Grund 2: Neben Konkursen gibt es auch zahlreiche Neugründungen
Ja, Konkurse gibt es. Oft in Kombination mit lauten Schlagzeilen. Allein im ersten Quartal 2026 mussten in der Schweiz 480 Detailhändler Konkurs anmelden. Demgegenüber steht allerdings eine weitere entscheidende Zahl: Im selben Zeitraum wurden 1 624 neue Detailhandelsunternehmen gegründet. Ein Faktor von 3.4. (3)
Wichtiger Kontext: Rund 88 bis 90 Prozent der etwa 34 000 Detailhandelsbetriebe in der Schweiz sind Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden (4). In diesem Segment gehören häufige Wechsel, Konkurse und Betriebsaufgaben schon immer zum normalen Wirtschaftsgeschehen. Und das ist kein spezifisches Handelsproblem: Laut Bundesamt für Statistik existieren in der Schweiz branchenübergreifend fünf Jahre nach der Gründung nur noch rund 50 Prozent aller Unternehmen (5). Jede zweite Neugründung verschwindet.
Grund 3: Der stationäre Handel wächst, während der Onlinehandel an Schwung eingebüsst hat
In fast allen europäischen Märkten sind die Einzelhandelsumsätze von 2024 auf 2025 gestiegen. Dieses Wachstum kommt jedoch nicht nur aus dem Onlinekanal. Im Gegenteil: Nach dem grossen Corona-Boom hat der Onlinehandel an Schwung verloren, während sich der Non-Food-Detailhandel insgesamt sehr positiv entwickelt hat, wie die Abbildung zeigt. Ende 2025 lag der reale Umsatz im gesamten Non-Food-Detailhandel 6 Prozent über dem Wert von 2021, während der Onlineumsatz im gleichen Zeitraum um 5 Prozent zurückging (6).
Auch in Deutschland stagniert der Onlineanteil am gesamten Einzelhandelsumsatz seit fünf Jahren zwischen 13 und 14 Prozent, nachdem er in den Jahren zuvor noch stark gewachsen war (7). Gleichzeitig ist der Anteil der Menschen, die ausschliesslich im Laden einkaufen und Onlineshops meiden, von 25 Prozent im Jahr 2021 auf 37 Prozent im Jahr 2026 gestiegen (8).
Grund 4: Die Beratung bleibt ein zentraler USP des stationären Handels
Onlinehandel und KI machen Einkaufen schneller, effizienter und bequemer. Doch der stationäre Handel hat einen Vorteil, den digitale Kanäle nur begrenzt nachbilden können: den persönlichen Kontakt. Unsere GDI-Studie «Smart & Menschlich» vom letzten Jahr zeigt, dass dieser menschliche Faktor weiterhin zentral ist. Für 64 Prozent der Konsument*innen sind persönlicher Service und menschliche Beratung durch keine Technologie ersetzbar. 50 Prozent nennen das Gespräch mit dem Verkaufspersonal als einen der Hauptgründe, überhaupt vor Ort einzukaufen. Gleichzeitig wird das Personal überwiegend positiv wahrgenommen: Die allgemeine Zufriedenheit mit dem Verkaufspersonal (53 %) ist zudem fast fünfmal höher als die Unzufriedenheit (11 %). Und nur 20 Prozent können sich eine Zukunft ganz ohne Personal im Laden vorstellen. (9)
Grund 5: Der Gegentrend zur Digitalisierung als Chance für den stationären Handel
Zu jedem starken Trend entsteht ein Gegentrend. Nach Jahren intensiver Digitalisierung wird digitale Erschöpfung nun auch im bei uns im Alltag sichtbar: In Deutschland ist die Internetnutzung dieses Jahr bereits deutlich gesunken, besonders Menschen unter 40 wollen ihre private Onlinezeit weiter reduzieren (10). Auch in der Schweiz zeigt sich dieser Wunsch nach Entlastung: 58 Prozent der 18- bis 29-Jährigen erleben Offlinepausen als stressreduzierend (11). Damit wird der physische Raum zum Gegenpol permanenter digitaler Reize.
Wie sich das im Handel zeigt, lässt sich bereits in China beobachten. Dort trendet unter jungen Menschen der «Supermarkt 20 Minuten Effekt»: Sie schlendern für rund 20 Minuten durch einen Supermarkt, nicht primär um einzukaufen, sondern um mental abzuschalten und Stress abzubauen (12).
Grund 6: Der Handel stirbt seit 2 000 Jahren – und lebt noch immer
Heute sind es vor allem Billigwaren von Temu, SHEIN und Co. aus China, die viele europäische Händler unter Druck setzen. Interessant ist: Vor rund 2 000 Jahren verlief die Sorge genau in die andere Richtung. Damals waren es nicht billige Massenwaren, sondern importierte Luxusgüter, die als Problem galten. Schon im Jahr 77 n. Chr. beklagte Plinius der Ältere, dass jährlich enorme Summen für Seide, Gewürze und andere Luxusgüter aus Indien, China und Arabien aus dem Römischen Reich abflossen (13). Die Seidenstrasse hatte die Kontinente verbunden und damit eines der ersten Globalisierungs-Schockerlebnisse der westlichen Welt ausgelöst. Die Reaktionen waren exakt wie heute.
Seither wiederholt sich das Muster: Neue Handelswege, neue Formate und neue Anbieter setzen bestehende Geschäftsmodelle unter Druck. Im Mittelalter schotteten Zünfte ihre Märkte gegen fremde Händler ab. In der Schweiz waren die Eröffnung und der Ausbau von Warenhäusern zum Schutz des Kleingewerbes sogar über zehn Jahre lang verboten (14). Später setzte der Versandhandel das Warenhaus unter Druck, die Shopping-Mall zog Kund*innen aus den Innenstädten, Category Killer bedrängten die Mall, Amazon bedrängte die Category Killer. Und heute heisst es wieder: «Der stationäre Handel stirbt.»
Doch meist stirbt nicht der Handel. Es verschwindet ein Format, während ein anderes entsteht. Was bleibt, ist das Bedürfnis der Menschen, Dinge zu kaufen, zu vergleichen, zu erleben und manchmal auch zu berühren. Das war vor 2 000 Jahren so. Und es ist heute nicht anders.
Internationale Handelstagung: Retail Reality-Check
Wie viel Krise steckt tatsächlich im Handel und wie viel davon ist vor allem ein Narrativ? An der Internationalen Handelstagung vom 16. und 17. September 2026 diskutieren wir gemeinsam mit internationalen Persönlichkeiten wie Oliver Kahn, Anna Rosling Rönnlund, Daniela Schwarzer sowie Führungskräfte von IKEA, Hitschies und Thalia, warum der Handel anpassungsfähiger ist als sein Ruf. Gemeinsam hinterfragen wir etablierte Annahmen und richten den Blick auf neue Wachstumschancen.
- Statista. (2025). Online-Marktanteil am Gesamtmarkt Bekleidung und Schuhe in der Schweiz von 2014 bis 2024. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/609849/umfrage/anteil-des-online-handels-am-gesamtumsatz-mit-bekleidung-in-der-schweiz/
- Bundesamt für Statistik; NielsenIQ, HANDELSVERBAND.swiss, Schweizerische Post. (2025). Jahreserhebung Onlinehandel Schweiz 2025.
- CRIF. (2026). Firmenkonkurse steigen weiter deutlich an. https://www.crif.ch/news-events/news/firmenkonkurse-steigen-weiter-deutlich-an/
- Handel Heute. (2026). Schweizer Detailhandel: der Druck nimmt zu. https://handel-heute.ch/news/unternehmen-und-maerkte/55091/schweizer-detailhandel-sieht-sicht-druck/
- Bundesamt für Statistik. (2025). Überlebensraten neuer Unternehmen. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/industrie-dienstleistungen/unternehmen-beschaeftigte/unternehmensdemografie/ueberlebensraten.html
- Bundesamt für Statistik (2026). Indizes und Veränderungsraten der Detailhandelsumsätze (kalenderbereinigt). https://www.bfs.admin.ch/bfs/rm/home.assetdetail.36433854.html
- Handelsverband Deutschland. (2026). HDE ONLINE-MONITOR 2026
- Rudolph, T., & Schraml, C. (2026). Omni-Channel Management in Deutschland, Österreich und der Schweiz 2026. Institut für Handelsmanagement, Universität St. Gallen.
- Scheidegger, G., & Bauer, J.C. (2025). Smart und menschlich: KI im Spannungsfeld zwischen Effizienzmaximierung und Kundenzentrierung. GDI-Studie
- Postbank. (2026). Deutsche sind weniger online – vor allem unter 40-Jährige wollen noch kürzertreten. https://www.postbank.de/unternehmen/medien/meldungen/2026/juni/deutsche-sind-weniger-online.html
- Sanitas (2026). Präventionsradar 2026. https://www.sanitas.com/de/ueber-sanitas/stiftung/studie/praeventionsradar.html#downloads
- Xu, Z. (2026). LinkedIn Post. https://www.linkedin.com/posts/zheng-xu-de_chinainsights-retailinnovation-consumerbehavior-share-7470189374362574849-50LZ/?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAABQ-Tu0B3YWxgRX5kUNjn69hKMnuV1ynm_M
- Plinius der Ältere. (1855). The natural history (J. Bostock & H. T. Riley, Trans.). Taylor and Francis. Original work published ca. 77 CE.
- Historisches Lexikon der Schweiz. (2015). Warenhäuser. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/014037/2015-05-01/