Wasserknappheit ist längst ein globales Problem. Rund vier Milliarden Menschen leben mindestens einen Monat pro Jahr unter schwerer Wasserknappheit. 25 Länder mit einem Viertel der Weltbevölkerung stehen dauerhaft unter extremem Wasserstress (1). Doch das Problem lässt sich nicht allein an der jährlich verfügbaren Wassermenge festmachen. Auch Regionen, die im Jahresmittel über ausreichende Wasserressourcen verfügen, können saisonal unter erheblichem Wasserstress leiden, wenn Wasserangebot und Nachfrage zeitlich auseinanderfallen.
Gerade in der Schweiz zeigt sich diese Verschiebung deutlich. Schnee und Gletscher wirken als natürliche Speicher, die Niederschläge im Winter zurückhalten und im Sommer als Schmelzwasser wieder abgeben. Diese Speicherfunktion nimmt jedoch ab. Seit 2015 haben die Schweizer Gletscher rund ein Viertel ihres Volumens verloren (2). Gleichzeitig ist nach Angaben des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS der sogenannte «Peak Water» bereits erreicht. Mit weiterem Gletscherschwund dürfte deshalb langfristig der Schmelzwasserabfluss zurückgehen (3).
Joschka J. Proksik
Senior Researcher und Speaker am GDI
Als Politikwissenschaftler analysiert er geopolitische Machtverschiebungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten, mit besonderem Fokus auf kritische Ressourcen, Welthandel und strategische Technologien.
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Hinzu kommt eine zunehmende saisonale Verschiebung der Wasserverfügbarkeit. Längere Trockenperioden treffen auf Niederschläge, die häufiger kurz und intensiv ausfallen und damit weniger zur gleichmässigen Versorgung von Böden, Grundwasser und Flüssen beitragen. Besonders relevant ist dies im Sommer. Genau dann, wenn die Abflüsse sinken, steigt der Bewässerungsbedarf der Landwirtschaft. Damit verschärft sich die Konkurrenz zwischen Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Wasserkraft und Ökologie um dieselbe Ressource zur selben Zeit. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) fasst die Entwicklung entsprechend zusammen: Die Schweiz bleibt mengenmässig ein Wasserschloss, doch der Klimawandel verändert, «wann und wo Wasser verfügbar ist» (4).
Wasser wird zur strategischen Ressource
Wasserknappheit hat nicht nur ökologische Folgen und unmittelbare Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Mit zunehmender Knappheit verschärft sich auch die Frage, wer wann und zu welchen Bedingungen Zugang zu verfügbaren Wasserressourcen erhält. Damit gewinnt Wasser eine immer stärkere politische und strategische Dimension. Nutzungskonflikte zwischen Landwirtschaft, Energieproduktion, Haushalten und Industrie nehmen tendenziell zu. Solche Konflikte machen auch nicht an Landesgrenzen halt.
Auch in der wasserreichen Schweiz werden solche Nutzungskonflikte bereits sichtbar. Im Juli 2026 forderten Behörden im italienischen Piemont das Tessin auf, zusätzliches Wasser aus seinen Speicherseen abzugeben, um die unter der Trockenheit leidende Landwirtschaft zu unterstützen. Das Tessin lehnte dies mit Verweis auf die eigenen knappen Reserven und deren Bedeutung für die Stromproduktion im Winter ab. Bereits im Hitzesommer 2022 war es zu einer ähnlichen Situation gekommen (5).
Gian-Luca Savino
Senior Researcher und Speaker am GDI
Der promovierte Informatiker analysiert globale Trends in den Bereichen Technologie und Umwelt sowie deren Auswirkungen für Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft.
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Besonders relevant werden solche Verteilungsfragen, wenn mehrere Staaten dieselben Reserven oder Flusssysteme nutzen. Am Lago Maggiore zeigt sich dies bereits heute. Das Wasser des Sees ist für die Landwirtschaft in der italienischen Po-Ebene von grosser Bedeutung, während auch im Tessin die Reserven knapper werden. Eine umfassende Regelung für solche Knappheitssituationen fehlt bislang. Der Bund, der Kanton Tessin und die italienischen Behörden erarbeiten derzeit die Grundlagen für ein entsprechendes Abkommen.
Beim Genfersee ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bereits stärker institutionalisiert. Nach mehr als zehnjährigen Verhandlungen unterzeichneten die Schweiz und Frankreich im September 2025 ein Abkommen zur Regulierung der Gewässer des Genfersees. Auf französischer Seite wurde das Thema auf höchster politischer Ebene von François Hollande und Emmanuel Macron vorangetrieben. (5) Dass die Bewirtschaftung eines lange als reichlich verfügbar geltenden Wasserreservoirs zum Gegenstand solcher zwischenstaatlichen Verhandlungen wird, ist bezeichnend für den Wandel. Es geht zunehmend um Mitsprache, Koordination und den Ausgleich unterschiedlicher nationaler Interessen.
Diese Beispiele zeigen, worum es künftig häufiger gehen dürfte: um konkurrierende Ansprüche auf dieselbe Wasserressource zur selben Zeit. Je knapper Wasser wird und je stärker seine Verfügbarkeit saisonal schwankt, desto grösser wird der wirtschaftliche und strategische Wert von Wasser. Damit steigt auch die politische Bedeutung von Speicher- und Steuerungsmöglichkeiten. In Regionen mit strukturellem Wassermangel kann der Zugang zu Wasser zunehmend nicht nur als Umwelt- oder Wirtschaftsfrage verstanden werden, sondern auch als Frage kritischer Infrastruktur und letztlich der nationalen Sicherheit.
Wasserkonflikte nehmen deutlich zu
Was sich in der Schweiz bislang vor allem als regulatorischer und wirtschaftlicher Interessenkonflikt zeigt, tritt in anderen Weltregionen wesentlich schärfer hervor. Dort reicht das Spektrum bis hin zu zwischenstaatlichen Spannungen und gewaltsamen Konflikten. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der dokumentierten Wasserkonflikte stark zugenommen. Für 2024 weist das Pacific Institute weltweit 420 Konfliktereignisse aus. Das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahr und beinahe zwanzigmal so viele wie 2010. Wasser ist dabei nicht zwangsläufig die alleinige Konfliktursache. Es kann Auslöser oder Druckmittel sein, zum strategischen Ziel werden oder durch bestehende Konflikte beeinträchtigt werden.
Während die meisten Wasserkonflikte auf lokaler Ebene innerhalb von Staaten stattfinden, etwa im Kontext von Bürgerkriegen oder zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Nutzer*innen, nehmen auch zwischenstaatliche Konflikte weiter zu. Insbesondere seit 2021 hat sich der Anstieg beider Konflikttypen deutlich beschleunigt (6).
Wie Wasser in geopolitisch aufgeladene Konflikte hineingezogen und als Druckmittel eingesetzt werden kann, zeigt das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan. Nach dem Terroranschlag von Pahalgam im April 2025 setzte Indien den Indus-Wasservertrag von 1960 aus. Parallel eskalierte die Krise bis hin zu direkten militärischen Auseinandersetzungen. Pakistan erklärte, ein Stoppen oder Umleiten des ihm zustehenden Wassers werde als «Act of War» betrachtet (7, 8). Indien hält weiterhin an der Aussetzung fest. Der Fall zeigt, wie selbst seit Jahrzehnten etablierte Regelungen unter zunehmenden geopolitischen Druck geraten können.
Stark politisiert ist auch der Streit um den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) am Blauen Nil. Äthiopien betrachtet den Staudamm als Schlüsselprojekt für Stromversorgung und wirtschaftliche Entwicklung, während Ägypten und Sudan den Damm als Bedrohung für ihre Wasserversorgung sehen (9).
Beide Fälle zeigen, wie die Kontrolle über Staudämme, Abflussmengen und hydrologische Informationen politisch aufgeladen und Teil strategischer Auseinandersetzungen werden kann. Ähnliche Konstellationen finden sich am Euphrat und Tigris sowie am Mekong. Am Mekong wird besonders deutlich, wie Staudämme Oberliegerstaaten zusätzlichen strategischen Einfluss verschaffen können. China kann durch seine Kaskade grosser Dämme am Oberlauf des Mekong den saisonalen Abfluss erheblich beeinflussen. Die Unterliegerstaaten Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam sind dagegen auf verlässliche Abflüsse angewiesen (10, 11).
Umweltthemen landen bei Unternehmen oft am unteren Rand der Prioritätenliste, während Entwicklungen im Bereich Geopolitik und Technologie oft als deutlich relevanter eingestuft werden. Der Hitzesommer 2026 zeigt nun erbarmungslos, wie wesentlich und vielfältig die Bedrohungen durch den Klimawandel sind. Im Strategic-Foresight-Prozess setzen wir genau hier an und stellen gemeinsam mit den Unternehmen die wirklich relevanten Fragen, um Auswirkungen und mögliche Implikationen zu verstehen und aus der Zukunftsperspektive schon heute die richtigen Weichen zu stellen.
Die geoökonomische Dimension von Wasserstress
Die strategische Bedeutung von Wasser zeigt sich jedoch nicht nur in Verteilungsfragen und Konflikten. Zunehmender Wasserstress beeinträchtigt auch zentrale Infrastrukturen und Handelsrouten.
Am Panamakanal halbierte die Dürre 2023 und 2024 die Zahl der möglichen täglichen Schiffspassagen zeitweise von rund 36 auf 18. Die Folge waren Verzögerungen, Kapazitätsengpässe und höhere Transportkosten. Auch 2026 steht der Kanal erneut unter Druck. Mit Blick auf das sich entwickelnde El Niño und mögliche sinkende Wasserstände hat die Kanalbehörde erneut Tiefgangsbeschränkungen eingeführt (12, 13).
Auch am Rhein, am Mississippi und an der Donau führen niedrige Pegelstände zu geringeren Ladekapazitäten, höheren Frachtkosten und Störungen industrieller Lieferketten. Für Deutschland warnt ING, dass die aktuellen Einschränkungen auf dem Rhein das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2026 um bis zu 0,3 Prozentpunkte reduzieren könnten (14, 15).
Gleichzeitig setzt der langfristig sinkende Wasserstand des Kaspischen Meeres den strategisch wichtiger werdenden Mittleren Korridor zwischen China und Europa unter Druck (16).
Wasserknappheit wird zugleich zu einem Risiko für die Energiesicherheit. Zu niedrige Wasserstände oder zu hohe Wassertemperaturen können Kern- und Kohlekraftwerke wegen unzureichenden Kühlwassers zur Drosselung oder Abschaltung zwingen. Niedrige Füllstände in Reservoirs begrenzen gleichzeitig die Wasserkraftproduktion. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt, dass Wasserknappheit bereits heute Energieproduktion und Versorgungssicherheit beeinträchtigt und bei weiter zunehmendem Wasserstress auch die technische und wirtschaftliche Tragfähigkeit künftiger Energieprojekte begrenzen kann (17, 18).
Über die Energiesicherheit hinaus beeinflusst die Verfügbarkeit von Wasser zunehmend, wo Landwirtschaft, Industrie, Kraftwerke oder Rechenzentren wirtschaftlich betrieben werden können. Regionen mit verlässlichen Wasserressourcen können dadurch an Standortattraktivität gewinnen, während zunehmender Wasserstress andernorts Kosten, Versorgungsrisiken und wirtschaftliche Verwundbarkeit erhöht.
Zugleich gewinnt Wasser eine wachsende geoökonomische Dimension. Wo Staaten Flüsse, Stauseen oder andere Wasserinfrastrukturen kontrollieren, von denen andere abhängig sind, kann der Zugang zu Wasser zu einem strategischen Hebel werden, ähnlich wie die Kontrolle über Energieressourcen oder kritische Transportrouten. Langfristig könnte Wasser damit nicht nur die Geografie wirtschaftlicher Aktivität verändern, sondern auch Machtverhältnisse zwischen Regionen und Staaten verschieben.
- WRI Aqueduct 2023: https://www.wri.org/insights/highest-water-stressed-countries
- GLAMOS Swiss Glacier Bulletin 2025: https://doi.glamos.ch/pubs/glbulletin/glbulletin_2025.pdf
- Huss & Hock 2018: https://doi.org/10.1038/s41558-017-0049-x; GLAMOS/Huss 2025: https://swissinfo.ch/ger/klimawandel/die-globalen-folgen-einer-schweiz-ohne-gletscher/89158453
- BAFU 2026: https://www.bafu.admin.ch/de/sommer-2026-trockenheit-und-hohe-wassertemperaturen
- NZZ 2026: https://www.nzz.ch/schweiz/die-schweiz-das-wasserschloss-europas-das-stimmt-schon-lange-nicht-mehr-sagt-ein-hydrologe-die-schweiz-muss-sich-auf-harte-verteilkonflikte-mit-den-nachbarlaendern-einstellen-ld.10018473; Bundesamt für Umwelt 2025: https://www.bafu.admin.ch/de/newnsb/-xJAQ-xJsKO2Gy0U4oLIb
- Pacific Institute, Water Conflict Chronology 2025: https://pacinst.org/wp-content/uploads/2025/11/Water-Conflict-Chronology_fact-sheet_2025_final.pdf
- Reuters 2025: https://www.reuters.com/world/asia-pacific/india-says-it-will-never-restore-indus-water-treaty-with-pakistan-2025-06-21/
- CNBC 2026: https://www.cnbc.com/2026/06/22/india-pakistan-indus-waters-treaty-water-dispute-war-risk.html
- ZDF heute 2025: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/afrika-aethiopien-nil-staudamm-100.html
- Reuters 2020: https://www.reuters.com/article/business/environment/water-wars-mekong-river-another-front-in-us-china-rivalry-idUSKCN24P0K6/
- International Crisis Group 2024: https://www.crisisgroup.org/rpt/asia/south-east-asia/cambodia-thailand-china/343-dammed-mekong-averting-environmental-catastrophe
- Reuters 2026: https://www.reuters.com/business/environment/panama-canal-again-tightens-draft-limits-water-levels-under-pressure-2026-08-05/
- The Guardian 2026: https://www.theguardian.com/business/2026/aug/12/panama-canal-fees-iran-war-el-nino-ship-jump-queue
- Chen et al. 2025: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12516647/
- Financial Times 2026: https://www.ft.com/content/884d643c-15e6-474d-99ca-6bab23811c7f?syn-25a6b1a6=1
- Reuters 2026: https://www.reuters.com/business/environment/regional-framework-could-be-set-up-monitor-rapidly-shrinking-caspian-sea-2026-06-30/
- World Economic Forum 2023: https://www.weforum.org/stories/energy-transition/hydroelectricity-generation-falls-droughts-climate-change/
- IEA, Water Energy Nexus 2020: https://www.iea.org/articles/introduction-to-the-water-energy-nexus
