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Handel ohne Endspiel: Zuversicht in unsicheren Zeiten

Die Welt ist im Umbruch. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, blickten wir an der 76. Internationalen Handelstagung zuversichtlich in die Zukunft. Ein Rückblick auf eineinhalb Tage voller Inspiration, mutiger Ideen und konkreter Strategien.
22. September 2026 durch
Handel ohne Endspiel: Zuversicht in unsicheren Zeiten
GDI Gottlieb Duttweiler Institute

Gleich zu Beginn der Internationalen Handelstagung ordnete Daniela Schwarzer, designierte Präsidentin der Hertie School, die aktuelle Weltlage ein. Statt vorübergehenden Krisen befindet sich Europa in einem strukturellen Umbruch seiner politischen und wirtschaftlichen Ordnung. Das löst oft Ohnmacht und Resignation aus. Auch weil andere Akteure Mittel einsetzen, die sich mit unserem Werte- und Demokratieverständnis kaum vereinbaren lassen. Um die aktuellen Herausforderungen zu bestehen, brauche es Zusammenarbeit. Schwarzer plädiert dafür, dass wir als Europäer den Kontinent neu denken, indem wir uns auf unsere Werte besinnen. Ein Beitrag kann die Wahl des KI-Modells in der täglichen Arbeit sein, Investitionen in philanthropische Projekte oder ein Engagement in internationalen Netzwerken statt sich nur im kleinen Kontext einzusetzen. Denn: «Agency haben wir nicht verloren, auch wenn es erstmal so aussehen mag», so Daniela Schwarzer. «Wir müssen nur neue Formen finden, wie wir sie zur Wirksamkeit bringen.»

Daniela Schwarzer

Negative Berichterstattung und ein starker Krisenfokus führen oft zu einer pessimistischen Weltanschauung. Anna Rosling Rönnlund, Mitgründerin von Gapminder, zeigt, dass Menschen bei der Einschätzung der Welt oft systematisch falsch liegen. Wir unterschätzen den gesellschaftlichen Fortschritt, überschätzen technologische Entwicklungen und halten an veralteten Stereotypen fest. Selbst hochqualifizierte Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik schneiden bei Faktenfragen häufig schlechter ab als der Zufall. Das ist ein Problem, so Rönnlund: «To plan for the future we need to know the present. But we are actually quite wrong about the present, which most likely leads us to wrong assumptions about the future.» Denn die Weltlage ist oft besser als wir vermuten, während wir dennoch vor grossen Herausforderungen stehen. Den Faktencheck sollten wir also nicht nur für KI-Resultate, sondern auch für unsere eigenen Einschätzungen einsetzen. «We need to be humble, curious and have hope that we can fix the problems we still have left», schliesst Anna Rosling Rönnlund ab.

Anna Rosling Rönnlund
Aus der Praxis: vier Formen der Zuversicht
Trotz der aktuell tiefgreifenden Veränderungen in der Welt und der Branche zeigten sich auch die Handelsunternehmen in Rüschlikon zuversichtlich.
Fredrik Engman
Zuversicht in die Zukunft

Das gilt besonders für das schwedische Möbelhaus, wie Fredrik Engman, Global Brand & Marketing bei Ikea, sagt: «We have decided to be optimistic about the future.» Damit setzt Ikea einen strategischen Rahmen für langfristige Entscheide. Engman nennt den Markteintritt in Indien als Beispiel dafür. Obwohl kurzfristig kein profitabler Business Case vorlag, investierte das Unternehmen mit Blick auf die vielen Menschen und ihre wachsenden Bedürfnisse. Das Möbelhaus nehme bewusst in Kauf, dass die Etablierung noch ein bis zwei Jahrzehnte dauern kann.

Philip Hitschler-Becker
Zuversicht für die eigene Stärke
Die heute in den sozialen Medien virale Süssigkeitenfirma und Love-Brand Hitschies stand vor zehn Jahren fast vor dem Aus. Den Umschwung schaffte Philip Hitschler-Becker, der das Familienunternehmen in der 4. Generation führt, durch eine radikale Social-First-Strategie. Er selbst wurde dabei zum Gesicht der Marke, die immer und überall online ist. Unter dem Motto «Erst machen, dann denken» experimentiert Hitschler-Becker schnell und unkompliziert neue Formate. Mit seinem authentischen Auftritt baute er eine starke und aktive Community auf.
Ingo Kretzschmar
Zuversicht für das haptische Buch
Die Wichtigkeit von Online-Präsenz anerkennt auch Thalia-Chef Ingo Kretzschmar. 2023 wurden circa 14 Millionen verkaufte Bücher über Tiktok angestossen. 2025 waren es bereits 28 Millionen Bücher. Im Buchhandel setzt Kretzschmar auf eine nahtlose Omnichannel-Strategie. Denn das physische Buch bleibe nach wie vor wichtig und geniesst auch bei der kaufkräftigen, jungen Zielgruppe grosse Beliebtheit. Er versteht Thalia nicht nur als stationären Buchhandel, sondern auch als Zufluchtsort für den gesellschaftlichen Austausch in tristen Innenstädten.
Thomas Gutberlet
Zuversicht für die Gemeinschaft
Dass stationäre Läden weiterhin Bedeutung haben, zeigt Thomas Gutberlet, COO von Tante Enso. Mit hybriden Supermärkten übernehmen sie die Nahversorgung in ländlichen Regionen. Oft dort, wo sich die Konkurrenz zurückgezogen hat. Dabei setzt das Unternehmen auf die starke Partizipation der lokalen Bevölkerung. Durch den gemeinschaftlichen Betrieb wächst eine starke Bindung zum «eigenen» Tante Enso, der auch als Begegnungsort dient. Für die Zukunft zeigt sich Gutberlet zuversichtlich: Von 134 bis Ende 2026 soll die Anzahl der Läden bis 2030 auf über 300 ansteigen.
Strategien für den Handel
«Wer nur Krise sieht, verteidigt den Status quo. Wer Verschiebung erkennt, findet den nächsten Ort des Wachstums», so Johannes C. Bauer, Head of Think Tank am GDI. Wie das gelingt, zeigte er anhand von drei praktischen Entscheidungsregeln für den Handel. Erstens braucht es bei Umsatzrückgang erst eine Analyse, wohin sich der Konsum verschiebt, bevor man eine Anpassung vornimmt. Wie Anna Rosling Rönnlund eingangs zeigte, muss man die Gegenwart verstehen, um die Zukunft zu planen. Zweitens: Vor einem Standortentscheid sollte der Systemeffekt berücksichtigt werden. Das beweist das praktische Beispiel von Ingo Kretzschmar: Eine neue Thalia-Filiale kurbelt auch den Onlineverkauf an. Drittens: Die Einkaufsmission der Kundschaft entscheidet darüber, welche Rolle Mensch, Store und Technologie übernehmen. Das gilt auch für die Gestaltung eines Ladens, wie Adam Devey Smith zeigte: Die Einkaufsmission bestimmt, welche Sinne auf welche Weise angesprochen werden sollten.

Johannes C. Bauer

Adam Devey Smith, Mitgründer & Managing Partner bei The One Off, betonte, dass das Einkaufserlebnis auf mehr als visuellen Reizen aufbauen sollte. Gerade Geruch und Geschmack könnten langfristige Erinnerungen und emotionale Bindung erzeugen, würden in der Ladengestaltung bislang aber zu wenig berücksichtigt. Agentische KI kann künftig viele rationale Einkaufsprozesse übernehmen. Emotionen, Gemeinschaft und Überraschung vor Ort kann uns der Algorithmus jedoch kaum abnehmen.

Adam Devey Smith

Ohne Fehler kein Fortschritt 

Der Handel ist in Bewegung. Das erfordert neue Wege und innovative Ideen. Einige in Rüschlikon ausgestellte Produkte aus dem Museum of Failure belegen, dass Firmen dabei auch episch scheitern. Etwa als Nintendo den Power Glove auf den Markt brachte, der trotz aufwändiger Installation eher schlecht als recht funktionierte. Das Unternehmen hat dazugelernt und brachte Jahre später die erfolgreiche Nintendo Wii auf den Markt.

Nintendo Power Glove

Samuel West, Gründer & Kurator des Museum of Failure, bedauert, dass wir oft nicht zwischen schlechten und guten Fehlern unterscheiden. Schlechte Fehler sind vermeidbar und entstehen durch Nachlässigkeit, Selbstüberschätzung oder das Missachten von Regeln. Gute Fehler passieren auch dann, wenn Unternehmen sorgfältig neue Produkte oder Dienstleistungen testen, um Fortschritt oder einen Mehrwert zu schaffen. Samuel Wests Rezept: «It is not a failure if you call it an experiment.»

Niederlagen gehören im Sport dazu. Fussballlegende Oliver Kahn betonte im Gespräch auf der GDI-Bühne, wie wichtig eine gute Analyse ist, um aus Misserfolgen auch wirklich etwas zu lernen. Denn nur weil sich ein Spiel in den letzten zwei Minuten vom Sieg zur Niederlage entwickelte, heisst das nicht, dass davor alles falsch gemacht wurde. Das geht aber nur, wenn die Kultur in einer Organisation oder einem Unternehmen das zulässt. Sein bekanntes Zitat «Weiter, immer weiter» interpretiert er heute auch als Zeichen der Resilienz. Es bedeutet nicht, stur gegen die immer gleiche Wand zu laufen, sondern Ziele und auch die eigene Rolle stets kritisch zu hinterfragen und an veränderte Bedingungen anzupassen. Ein positiver Blick nach vorne ist dabei unabdingbar: «Optimismus ist, wenn man im dicksten Nebel die Aussicht preist. Aber Zuversicht ist, wenn man im dicksten Nebel sagt: Wir finden trotzdem den Weg», so Kahn.

Oliver Kahn und Nico Luchsinger
Das unendliche Spiel
Anders als Fussball ist der Handel kein endliches Spiel mit klaren Gewinnern und Verlierern. Heath Slawner, Igniter bei Simon Sinek’s The Optimism Company, plädiert deshalb für langfristiges Denken. Wer nur kurzfristige Gewinne und den Sieg über die Konkurrenz verfolgt, gefährdet Vertrauen, Zusammenarbeit und Innovation. Um dauerhaft relevant zu bleiben, brauchen Unternehmen unter anderem einen klaren Purpose, vertrauensvolle Teams und strategische Flexibilität. Gute Führung schafft den Raum, in dem Menschen Verantwortung übernehmen, Fehler eingestehen und gemeinsam durch Unsicherheiten navigieren.
Die 76. Handelstagung am GDI hat gezeigt, dass der Handel in Bewegung ist, aber keineswegs am Ende. Wer den Wandel als Verschiebung statt als Krise deutet, findet auch in unsicheren Zeiten Chancen. Ob bei Ikeas langfristigem Investment, Thalias Omnichannel-Strategie oder Kahns Umgang mit Niederlagen. Dafür braucht es eine Unternehmenskultur, die aus Fehlern lernt und die Bereitschaft, genau hinzuschauen und trotzdem weiterzugehen. Denn Zuversicht ist kein Zustand, sondern eine strategische Entscheidung, die man jeden Tag lebt.
Save the Date: Bis bald am GDI
Die nächste Internationale Handelstagung findet am 15. und 16. September 2027 in Rüschlikon statt. Sichern Sie sich jetzt das Datum und erfahren Sie die neusten Trends des Handels. Sie suchen zwischenzeitlich noch mehr Inspiration? Entdecken Sie unsere kommenden Konferenzen und Veranstaltungen. Bereits am 10. März 2027 findet der Europäische Trendtag statt.

Treffpunkt für Visionäre

An den GDI-Trendkonferenzen begegnen sich führende Köpfe aus der Wirtschaft und Wissenschaft. Erleben Sie inspirierenden Austausch, zukunftsweisende Ideen und knüpfen Sie wertvolle Kontakte.

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