Entsolidarisiert die Smartwatch? Das Big-Business-Szenario
Die GDI-Studie «Entsolidarisiert die Smartwatch?» beschreibt vier Szenarien, in deren Richtung sich unser Gesundheitssystem entwickeln könnte. Das Big-Business-Szenario zeigt ein Gesundheitswesen grosser Unterschiede.
9 Dezember, 2021 durch
Entsolidarisiert die Smartwatch? Das Big-Business-Szenario
GDI Gottlieb Duttweiler Institute

Der nachfolgende Text basiert auf einem Auszug aus der GDI-Studie «Entsolidarisiert die Smartwatch? Szenarien für ein datafiziertes Gesundheitssystem», die über unsere Website bezogen werden kann.

Im Szenario «Big Business» wird Gesundheit als Privatsache angesehen. Jeder ist für seine Gesundheit und folglich auch seine Krankheiten selbst verantwortlich. Ungesund sein hat darum das Stigma des persönlichen Versagens. Staatliche Hilfe ist minimal. Diese Politik wird mit der Annahme gerechtfertigt, dass Menschen sich vor allem dann Mühe geben, gesund zu bleiben, wenn sie selbst dafür aufkommen müssen. Wer sich stets in staatlicher Obhut wisse, lasse sich eher gehen, würde dadurch entmündigt und gerate in eine Abhängigkeit.

Gesundheitsversorgung findet fast gänzlich auf dem freien Markt statt. Es gibt kaum staatliche Regulierungen, was auch bedeutet, dass es keinen gesetzlich verordneten Datenschutz für Gesundheitsdaten gibt. Dafür gibt es aufgrund von Deregulierung und Konkurrenzsituation die Möglichkeit, Pflege und Behandlung kostengünstig zu beziehen. Wer wenig Geld hat, kann Diagnostik mit Apps, Telemedizin mit indischen Call-Center-Ärztinnen und -Ärzten und Standardoperationen mit Robotern durchführen lassen. Für Behandlungen muss man nicht Arzt oder Ärztin sein. Gute Online-Ratings reichen aus. Deshalb übernehmen auch viele Pfleger/-innen ambulante Routinejobs von Ärztinnen und Ärzten und bieten diese über Online-Plattformen billig an. Auch stationäre Pflege wird in einem AirBnB-ähnlichen System (CareBnB) an Privatleute ausgelagert, die ein Zimmer frei und Pflegeerfahrung haben (oftmals pensionierte Pflegefachleute). Für aufwendige Operationen reisen viele nach Osteuropa, wo diese deutlich günstiger sind. Discounter-Spitäler lassen aber auch Ärztinnen und Ärzte aus Billiglohnländern in die Schweiz einfliegen, um als Saisonniers Operationen und Behandlungen durchzuführen.

Wer Geld hat, kommt hingegen in den Genuss erstklassiger persönlicher medizinischer Betreuung. Teilweise ist die Übernahme von Therapiekosten auch ein Angebot des Arbeitgebers, um wertvolle Mitarbeitende an sich zu binden. In der Erste-Klasse-Medizin werden Medikamente auf die persönliche Darmflora und Genetik angepasst, Tumore mit Teilchenbeschleunigern beschossen, Ersatzorgane mit eigenen Stammzellen neu gezüchtet und arthritisgeplagte Gelenke durch künstliche Gelenke oder robotische Gliedprothesen ersetzt.

Prof. Barbara Prainsack, Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien, meint dazu: «Ein für mich durchaus wahrscheinliches Szenario beinhaltet, dass 99 % zunehmend automatisierte medizinische Betreuung erhalten, während die reichsten 1 % eine Hightech- und Hightouch-Medizin geniessen werden.»

Studie, 2021 (kostenloser Download)

Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch
Format: PDF, 60 Seiten
Im Auftrag von: Stiftung Sanitas Krankenversicherung

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