Zum Inhalt springen

«Wir sind der Marktplatz für Dialog und Meinungen»

100 Tage am GDI: Im Gespräch blickt Nico Luchsinger auf seinen Start als CEO zurück und verrät, was ein Kräutergarten mit guten Debatten zu tun hat und was seine Vision für die Zukunft ist.
9. Oktober 2026 durch
«Wir sind der Marktplatz für Dialog und Meinungen»
GDI Gottlieb Duttweiler Institute

Im Büro bist du meist mit einem leuchtenden Notizbuch mit der Aufschrift «Mañana Mañana» unterwegs. Wieso gerade dieses Heft?
In der Woche vor meinem Start am GDI war ich in Amsterdam und blickte mit einem Freund auf unsere gemeinsame Vergangenheit zurück. An meinem letzten Tag fuhr ich bei 39 Grad Celsius auf einem klapprigen Velo durch die Stadt und entdeckte in einem Laden das Notizbuch. Das war perfekt, denn nach rund einem halben Jahr Pause waren meine Batterien wieder voll, mir wurde langsam etwas langweilig und ich hatte Lust, die Zukunft zu gestalten.

Warst du nervös?
Ja. Natürlich habe ich mich sehr auf den Start gefreut, aber ich war ehrlicherweise ziemlich nervös. Einerseits kann ich aus meiner Erfahrung schöpfen. Andererseits gibt es einige Aufgaben, die ich hier zum ersten Mal übernehme. Davor hatte ich damals Respekt und den habe ich auch jetzt noch.

Aus deiner Zeit bei der Asia Society Switzerland bringst du viel Erfahrung mit und verstehst es, die richtigen Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Was ist für dich komplett neu?
Es ist das erste Mal, dass ich in meinem Job regelmässig das Wort «Betrieb» verwende. Bisher führte ich Teams im Bereich der Wissensarbeit. Das GDI ist aber weit mehr als das. Mit der erstklassigen Hospitality und den vielen Räumen für Gastveranstaltungen verantworte ich auch Bereiche mit einer eigenen betrieblichen Logik. Das ist für mich neu, und mit einer steilen Lernkurve verbunden.

Du siehst die Kombination aus Think Tank und einer eigenen Location als grosse Stärke des GDI. Warum?
Das GDI ist meines Wissens weltweit der einzige Think Tank mit einem Kräutergarten. Dieser steht einerseits symbolisch für unsere physische Location inmitten der Natur mit viel Weitblick. Er ist aber auch ein Zeichen für die hohe Hospitality-Kompetenz und das grosse Engagement der Menschen, die hier arbeiten. Unser Küchenteam konzipiert beispielsweise das Essen mit so viel Liebe zum Detail, dass sich ein eigener Kräutergarten lohnt, den mehrere Teammitglieder hegen und pflegen. Das zeigt, wie einzigartig das GDI positioniert ist – auch als Ort für Dialog und Debatte.

Du arbeitest derzeit an der Neuausrichtung des GDI, die voraussichtlich bis zum Jahresende abgeschlossen ist. Was sind die Herausforderungen dabei?
Eine Herausforderung ist die Balance zwischen der Strategiearbeit und dem operativen Tagesgeschäft, das ebenfalls meine Aufmerksamkeit erfordert. Aber das Schwierigste an einer Neuausrichtung ist schlussendlich die Umsetzung. Mein Ziel ist es, eine positive Veränderung in der Organisation herbeizuführen. Darum binde ich die Mitarbeitenden aktiv in den Denkprozess ein. Was mich dabei extrem freut, sind die vielen wertvollen Inputs aus dem GDI-Team und mit wie viel Bereitschaft sich alle auf den Prozess einliessen. Auch wenn wir uns natürlich nicht immer einig sind. Alles andere würde mich aber erstaunen. Gleichzeitig generiert jede Neuausrichtung auch eine gewisse Unsicherheit. Diese muss man aushalten können und darf sie nicht einfach kleinreden. Darum war mir von Anfang an wichtig, möglichst transparent zu kommunizieren und zu signalisieren, dass ich nicht alle Antworten sofort habe.

Zeichnen sich bereits erste Stossrichtungen für die Zukunft ab?
Wir wollen das GDI noch stärker als Ort des Dialogs und der Debatte etablieren. Dazu müssen wir Think Tank und Hospitality näher zusammenbringen. Ich habe festgestellt, dass viele das GDI entweder als Eventlocation oder als Think Tank kennen. Dabei ist genau diese Kombination das, was das GDI als Ganzes so einzigartig macht.

Woran möchtest du festhalten?
An den Werten, die das GDI auszeichnen. Vieles, was unseren Gründer Gottlieb Duttweiler ausmachte, beschreibt in meinen Augen auch das GDI ganz gut: Eine vielseitige, fast schon obsessive Neugierde, die Welt erfahren und verstehen zu wollen sowie sich in neue Themen einzudenken. Eine starke unternehmerische Ader. Die Lust an Erneuerung und bis zu einem gewissen Grad auch die Lust zu provozieren, indem man Bekanntes und Bewährtes in Frage stellt.

Muss das GDI künftig also die besseren Fragen stellen oder eher die richtigen Antworten liefern?
Das eine schliesst das andere nicht aus. Wir müssen als GDI die richtigen Fragen im entsprechenden Kontext zur passenden Zeit den entscheidenden Menschen stellen. Denn oft sind gerade jene Fragen am spannendsten, auf die es nicht nur eine richtige Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass wir als GDI auch Lösungen präsentieren sollten. Viel wichtiger ist aber, dass wir regelmässig die richtigen Fragen aufwerfen und Denkanstösse liefern.

Analysen, Daten, Prognosen, Meinungen: Die Informationsflut hat mit KI noch stärker zugenommen. Wieso braucht es einen Ort wie das GDI auch künftig noch?
Das GDI hat sich lange als idyllischer Rückzugsort des tiefen Denkens verstanden. Ich sehe das GDI aber eher als Marktplatz für Dialog und Meinungen statt als abgeschottetes Kloster des freien Denkens. Die Vorstellung des Rückzugortes ist attraktiv, birgt aber die Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Die Informationsflut und das hohe Veränderungstempo bedingen, dass wir uns stärker öffnen. Wir erzielen Wirkung mit realen Debatten und Dialogen. Dafür werden wir weiterhin nach vorne schauen, indem wir mögliche Zukünfte antizipieren und mitgestalten. Dabei behalten wir aber stets die aktuellen Veränderungen und Herausforderungen im Blick und sind fest in der Gegenwart verankert.

Was ist deine Vision für das GDI?
Vor Kurzem führte ich am GDI an einem einzigen Tag drei sehr unterschiedliche Gespräche. Ich unterhielt mich mit einem dänischen Politiker über die Zukunft der Demokratie, mit einer chinesischen Analystin sprach ich über europäische Wettbewerbsfähigkeit und mit Migros-Führungskräften diskutierte ich über die Implikationen von KI für das Business. Dieses Bild wünsche ich mir für die Zukunft: dass wir an möglichst vielen Tagen ein Ort des Dialogs sind, an dem sich Menschen austauschen, die sich sonst nie begegnen würden. Wir sind und bleiben ein Raum für vertieftes Nachdenken – erst durch Austausch und Dialog stärken wir auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.


Stichwörter
Archiv