Iyad Rahwan: «Künstliche Intelligenz stellt keine Fragen»
Künstliche Intelligenz und der Mensch werden oft gegensätzlich gedacht. Iyad Rahwan leitet das Zentrum für Mensch und Maschine am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und ist im Interview mit dem GDI ganz anderer Meinung. Die Menschen würden für die grossen Fragen zuständig bleiben.
30 März, 2022 durch
Iyad Rahwan: «Künstliche Intelligenz stellt keine Fragen»
GDI Gottlieb Duttweiler Institute

Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Aus unserem Alltag ist sie nicht mehr wegzudenken – Algorithmen schlagen uns neue Musik, Filme oder Produkte vor, die uns gefallen (könnten). Bislang sind das noch Babysteps, doch wie wird KI das menschliche Lernen beschleunigen? Wer wird die besseren Ideen haben? Iyad Rahwan ist geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Referent an der GDI-Konferenz «Discovery on Steroids: How AI Will Speed up Innovation» vom 5. Juli 2022. Vorab zur Veranstaltung hat Rahwan unsere Fragen beantwortet:

GDI: KI verspricht, das menschliche Lernen zu beschleunigen. Inwiefern?

Iyad Rahwan: Kurzfristig wird uns die KI helfen, einige sehr schwierige wissenschaftliche Fragen zu beantworten. Wenn man seine Frage bereits kennt und über einige Daten verfügt, kann KI einem im Grunde helfen, so viele Erkenntnisse wie möglich aus den Daten herauszuholen. Ein aktuelles Beispiel ist AlphaFold von Deep Mind, das die 50 Jahre alte Frage nach der Vorhersage der dreidimensionalen Struktur eines Proteins anhand einer Zeichenkette seiner Aminosäuren gelöst hat. Dieses Kunststück wurde erreicht, indem der menschliche Einfallsreichtum umgangen und die KI eingesetzt wurde, um so viel Aussagekraft wie möglich aus den Daten zu gewinnen.

Um Kevin Kelly zu zitieren: «Mit KI sind Antworten billig, aber Fragen sind die Zukunft». Kann KI Fragen stellen?

Das ist eine gute Frage, die eine KI nicht stellen könnte! Es gibt zwar Möglichkeiten, KIs zu entwickeln, die Fragen stellen können, aber das ist noch sehr begrenzt. Man müsste der KI im Wesentlichen das übergeordnete Ziel vorgeben, und sie kann herausfinden, welche Frage sie als Nächstes stellen muss, um möglichst viel über das übergeordnete Ziel zu erfahren. Was die KI jedoch nicht kann, ist die Frage: Welches Ziel sollen wir verfolgen? Das ist viel schwieriger.

Wer wird die besseren Ideen haben, Menschen oder Maschinen?

Das hängt davon ab, was man unter «gross» versteht. KI kann heute sehr hochdimensionale Zusammenhänge darstellen, die für den Menschen schwer in Worte zu fassen sind. Aber revolutionäre Ideen, wie grosse wissenschaftliche Fortschritte oder künstlerische Innovationen, werden in naher und mittlerer Zukunft von Menschen kommen. Diese Ideen können «klein» sein, aber sie können massive Auswirkungen auf die Welt haben.

Wo liegen die Grenzen des maschinellen Lernens?

Die grösste Einschränkung des heutigen maschinellen Lernens besteht darin, dass die KI sich keine eigenen hochgesteckten Ziele setzen kann. Es muss ein Ziel vorgegeben werden, z. B. die Verbesserung der Vorhersagegenauigkeit oder die Optimierung eines Spielergebnisses. Der Mensch ist in der Lage und dafür verantwortlich, übergeordnete Ziele zu setzen, z. B. welche Aspekte des menschlichen Wohlergehens Vorrang haben und welche ethischen Grundsätze beachtet werden sollen. Diese übergeordneten Ziele steuern und begrenzen dann das Verhalten von KI-Systemen.

Was können Unternehmen heute tun, um KI für Innovationen zu nutzen?

Lange Zeit zielte unser Bildungssystem darauf ab, Menschen zu Maschinen zu machen: fehlerfreie Berechnungen, konsistente Ausführung sich wiederholender Aufgaben und Verbesserung detaillierter Arbeitsabläufe. Jetzt, da die Maschinen in diesen Bereichen immer besser werden, müssen die Unternehmen die menschliche Energie auf den kreativen, ergebnisoffenen Teil der Problemlösung und Innovation konzentrieren. Sie müssen Mitarbeiter einstellen, die genau wissen, was Maschinen können, und die diese Maschinen auf kreative Weise einsetzen.


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