Summaries
David Bosshart > Seite 8
DIE RÜCKKEHR DER MACHT Seit 1945 konnten sich die Bewohner von Mittel- und Westeuropa auf so schöne Dinge verlassen wie Rechtsstaatlichkeit oder das Einhalten von Gesetzen und Verträgen. Wir haben uns an ökonomische Denkmuster gewöhnt, in denen der Machtaspekt in den Hintergrund trat. Das ändert sich gerade: Die harten Machtfragen kehren zurück; und das Soft-Power-Zeitalter nähert sich dem Ende. Geopolitisch steht uns die Herausbildung eines G-0-Systems bevor. Ohne Supermacht, ohne gemeinsame Interessen, mit Allianzen, die sich geradezu kaleidoskopisch immer wieder ändern, Aufsteigern, die ihre stärkere ökonomische Position auch politisch umsetzen wollen, und Absteigern (vor allem in Europa), die ihre schwindende Macht verteidigen wollen – und immer mit der Gefahr, dass aus Konflikten auch wieder Kriege werden.
Michael Böhm > Seite 10
WÄHRUNGEN DER MACHT Wissen, Zwangsgewalt, Eigentum und verwaltende Institutionen – das sind seit etwa 5000 Jahren die Währungen der Macht in allen sesshaften Zivilisationen. Sie sind immer gleichzeitig in Umlauf geblieben. Ihre Preise und Wechselkurse waren weitgehend stabil in der Antike, garantiert vor allem durch die Leitwährung Zwang nach innen wie nach aussen. Insbesondere in den vergangenen 200 Jahren verfiel jedoch der Kurs der Zwangsgewalt deutlich. Erst legten Wissen und Besitz zu, und nach dem Zweiten Weltkrieg schickten sich die Institutionen an, zur wichtigsten Machtwährung zu werden. Derzeit jedoch steigt der Kurs der ältesten aller Machtwährungen: Die Knappheit der Ressourcen wertet den Besitz von Boden auf.
Umfrage > Seite 24
SOCIAL-MEDIA-REVOLUTIONEN «The next revolution will not be tweeted», behauptete der US-Autor Malcolm Gladwell im Oktober 2010: Die «weak ties» der sozialen Netzwerke wie Twitter oder Facebook seien nicht stark genug, um für eine (mit hohem Risiko für Leib und Leben verbundene) Revolution zu mobilisieren. In Netzwerken organisierte Bewegungen würden zudem einer Repression nicht lange standhalten. Bei den Revolutionen in Tunesien und Ägypten spielte Twitter in der Tat keine Rolle – aber dafür Facebook eine umso grössere. Bei noch härter gesottenen Diktaturen, etwa im Iran oder in Libyen, konnten die sozialen Netzwerke hingegen keine solche Bedeutung erreichen.
Alexander Ross > Seite 28
DER UNSICHTBARE DRITTE Transparenz gilt vielen Menschen heute als Korrektiv zum Missbrauch von Macht. Dabei sind Whistleblowing Wikileaks und andere Initiativen inzwischen Sinnbilder erzwungener Transparenz. Mit Carl Schmitt könnte man sagen: Souverän ist, wer über Intransparenz entscheidet. Und wirkliche Macht hat, wer Geheimnisse geheim halten und Grauzonen bewahren kann – oder nach Aufdeckung neue Grauzonen schaffen kann. Wikileaks führt dazu, das eigene System effizienter zu machen, nicht die Welt zu verbessern. Ergebnis dürfte statt mehr Vertrauen mehr Kontrolle sein – und gesteigerte Sicherheitsparanoia.
Douglas Rushkoff > Seite 32
VERKAUFE DEINE FREUNDE NICHT Unsere digitalen Netzwerke sind auf soziale Verbindungen und menschliche Kontakte ausgerichtet. Jede neue Kommunikationstechnologie bietet uns eine neue Ausrede, um neue Kontakte zu knüpfen. Jeder Versuch, diese Verbindungen neu zu definieren oder für Profitzwecke zu missbrauchen, gefährdet die Integrität des Netzwerks und den wahren Nutzen menschlicher Kontakte. Menschen nehmen sehr wohl wahr, wenn ein soziales Netzwerk in Wirklichkeit einen anderen Zweck verfolgt. Scheinbar beständige Social-Networking-Monopolisten verlieren ihre Anhänger deshalb schneller, als sie sie gewonnen haben, wenn sie versuchen, mit den Daten der Nutzer Profit zu machen.
Anja Dilk . Heike Littger > Seite 40
EROTISCHES KAPITAL In den sexualisierten und individualisierten modernen Gesellschaften wird das eigene Aussehen eine Ressource, die es auszubauen gilt, um mehr im Leben zu erreichen. Das schönste Drittel der Gesellschaft bekommt etwa fünf Prozent mehr Gehalt, mildere Urteile bei Gericht, als Kind bessere Noten im Schulaufsatz und mehr Streicheleinheiten. Erotisches Kapital ist ein Mix aus Schönheit, Sex-Appeal, Charme, Humor, Fitness und der Fertigkeit, Make-up, Frisur, Kleidung, Parfüm und Accessoires optimal einzusetzen. Das Schönheitsdiktat macht dabei vor keiner sozialen Schicht halt – und wird auch durch die Alterung der Gesellschaft nicht gebremst werden.
Paco Underhill > Seite 62
WAS FRAUEN WOLLEN Frauen sind besser ausgebildet als Männer, werden seltener arbeitslos und verdienen inzwischen in den ersten Jahren ihrer Karriere auch besser. Der traditionelle männliche Vorteil bei der Muskelkraft spielt ökonomisch kaum noch eine Rolle: In einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt sinkt die Nachfrage nach Männern mit trainierten Bizepsen rapide. Für Einzelhändler wird es deshalb immer wichtiger, auf frauenfreundliche Einrichtung und Umgebung zu achten. Die wichtigsten Elemente hierbei sind Sauberkeit, Kontrolle, Sicherheit und Rücksichtnahme. Wer nicht berücksichtigt, was Frauen wollen oder erwarten, hat ein Kommunikationsproblem und wird alles andere als gute Geschäfte mit ihnen machen.
Gespräch mit Lars Burmeister > Seite 70
DIE KUNST DES SCHEITERNS Scheitern ist noch immer ein Tabuthema in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft. Gerade wenn man lernt, besser zu scheitern, aus seinen Niederlagen Lehren zu ziehen, mit ihnen umzugehen, kann daraus auch zukünftiger Erfolg resultieren. Scheitern ist ein ganz normaler Entwicklungsschritt, der keine destruktive Kraft haben muss, sondern – nach angemessener Zeit – Inspiration für einen besseren Weg sein kann. Das im Unternehmen umzusetzen, erfordert eine Unternehmenskultur, die Fehler nicht tabuisiert, sondern transparent und besprechbar macht. Das bedeutet auch, dass Führungskräfte sich nicht scheuen dürfen, ihr eigenes Scheitern zu thematisieren und offen über gescheiterte Projekte und falsche Entscheidungen zu sprechen.
Hind Benbya . Marshall Van Alstyne > Seite 76
WIE MAN INTERNE WISSENSMÄRKTE DESIGNT Unternehmensinterne Wissensmärkte, in denen die Teilnehmer ihr Wissen mittels Preismechanismen handeln, sorgen dafür, dass vorhandenes Wissen nicht überall gesucht werden muss, sondern sich selbst identifiziert und zur Verfügung stellt. Sie fördern die Wiederverwendung vorhandener Informationen, erleichtern die Produktion neuer Informationen und steuern auf effiziente Weise die Verwendung knapper Ressourcen – etwa die Zeit der Mitarbeiter. Richtig designt, arbeiten sie wesentlich effizienter als traditionelle Wissensmanagementsysteme und bilden einen Rahmen, in dem sich Probleme in Chancen verwandeln können. Führungskräfte sollten dabei berücksichtigen, dass sie nicht nur die Art, wie ihre Mitarbeiter interagieren, sondern auch sich selbst ändern müssen. Beim Aufbau eines solchen Marktes sollten sie sich weniger als zentrale Planer, sondern mehr als eine Art Notenbank begreifen.
Christian Kalkbrenner > Seite 84
VON CLAPTON LERNEN Alle drei Jahre veranstaltet Eric Clapton das Crossroads Guitar Festival. Zu diesem Open-Air-Konzert lädt er Blues-, Bluesrock- und Rockmusiker aus aller Welt ein. Der Crossroads-Grundgedanke: Lasst uns gemeinsam für unsere Kunden regelmässig etwas veranstalten, was ein festes Ritual werden kann – und bei dem jeder durch die Anwesenheit des anderen profitieren kann. Wer diesen Ansatz auf seine Branche übertragen will, braucht eine übergeordnete Idee mit Leuchtkraft und ein Konzept, bei dem das Gemeinsame das Einzelne dominiert. In Branchen wie Tourismus und Landwirtschaft werden solche Konzepte mit öffentlicher Hilfe umgesetzt – aber auch in Industrie und Handel sind solche Lösungen möglich, wenn die beteiligten Unternehmen für ein gemeinsames (Teil-) Ziel ihre traditionelle Konkurrenz hintenanstellen.
Frerk Froböse > Seite 92
WOHNEN MIT UN-STIL Die Schweizer wohnen, wie sie wollen, es gibt nur keinen Namen dafür. Sie folgen keinem vorgeschriebenen Stil, sie nutzen ihre Wohnung, um sich selber zu schaffen. Am deutlichsten drückt sich der Unwille gegen vordefinierte Stile in der Tatsache aus, dass vor allem Kleinteile, aber auch grössere Möbel selber gemacht oder angepasst werden. Kleine persönliche Gegenstände sorgen dabei dafür, dass sich die eigene Wohnung von jeder anderen unterscheidet. Grossmöbel werden zur neutralen Kulisse, ihr Aussehen und ihre Funktion sollen sich abhängig von der jeweiligen Situation verändern können. Sie entziehen sich damit Modetrends und bilden verstärkt einen Gegenpol zur Hektik der Zeit. Ganzen Text lesen
Jimmy Wales > Seite 96
DER WEG VON WIKIPEDIA Für die Zukunft der Online-Enzyklopädie gibt es zwei Herausforderungen: Globalisierung und Qualität. Auch wenn es die Wikipedia in über 260 Sprachen gibt, klaffen insbesondere in Asien und Afrika noch grosse Lücken im Angebot. Es ist noch ein weiter Weg, um Jimmy Wales’ Anspruch zu verwirklichen: «Imagine a world in which every single person on the planet is given free access to the sum of all human knowledge.» Zudem geht es darum, die Qualität der Artikel zu steigern. Insbesondere akademische Spezialisten sollen verstärkt dafür gewonnen werden, über ihr Fachgebiet in Wikipedia zu publizieren.
Stephan Berthoud > Seite 104
SOZIALBENZIN UND TAGESTAKTGETRÄNK Am Beispiel des Getränkemarkts hat das GDI in zwei Pilotstudien untersucht, welche Informationen über Trends und regionale Gegebenheiten sich aus verschiedenen nutzergenerierten Inhalten gewinnen lassen. Analysiert wurden im einen Fall Online-Bewertungen im Portal ciao.de, im anderen Twitter-Mitteilungen von der US-Ostküste und aus Mit teleuropa. Die Studien zeigen, dass man einiges über Konsumgewohnheiten herausfinden kann, wenn man systematisch die nutzergenerierten Online-Inhalte untersucht. Aus Unternehmenssicht erscheint es sinnvoll, sich diese Quellen systematisch auf die eigenen Interessen hin zu erschliessen.