In der im Frühjahr 2018 veröffentlichten Studie «Take Care» hat das GDI einen Entwicklungspfad für das gesellschaftliche Pflege-System skizziert, in dem neue Technologien und Prozesse dazu führen, dem einzelnen Menschen, seinen Wünschen und Bedürfnissen noch mehr als bisher gerecht werden zu können. Im dort beschriebenen «Care-Society»-Szenario heisst es: «Die Produktivitätspotenziale des technischen Fortschritts führen in eine Gesellschaft, in der materielle Leistungen von Maschinen und Algorithmen erbracht werden, immaterielle Leistungen hingegen von Menschen. Pflege und Zuwendung werden nicht weiter industrialisiert und auf Produktivitätssteigerung getrimmt, sondern humanisiert.»

Technisierung und Humanisierung können in diesem Szenario Hand in Hand gehen, weil die Gesellschaft es so will: «Hilfe, Pflege und Zuwendung sind Gemeinschaftsaufgaben und werden entsprechend auch gemeinschaftlich organisiert. Hierbei werden technische Lösungen für all jene Leistungen eingesetzt werden, die nicht direkt mit der Interaktion zwischen Menschen in Verbindung stehen.»

Beat Ringger, geschäftsleitender Sekretär des Think-Tanks «Denknetz», zweifelt daran, dass der technische Fortschritt als solcher emanzipatorische Kräfte freisetzt. «Technikgetriebene Entwicklungen finden nicht unabhängig von den kommerziellen Interessen der Hersteller und Betreiber statt», sagt er. Sollen sie allen Betroffenen zugute kommen, dann müsse dies aktiv und mit politischen Mitteln durchgesetzt werden, allenfalls auch gegen Widerstände: «Eine Care-Society ist nicht etwas, was sich einfach ergeben wird, sondern was gewollt werden, wofür gekämpft werden muss – und das immer wieder auch in tendenzieller Konfrontation mit alten Paradigmen und kommerziellen Interessen.»

Unabhängig davon, ob der Weg in eine Care-Society, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, eher mit technischen Disruptionen oder mit sozialen Initiativen (oder mit beidem) beschritten wird: Menschlichkeit, direkte und individuelle Zuwendung benötigen heute nicht anders als morgen vor allem Nähe – und zwar gleichermassen emotionale Nähe wie räumliche Nähe. Das wiederum erfordert vor allem eine Stärkung kleiner, lokaler Einheiten sowie eine Förderung der Selbstorganisation.

Dezentrale, am Individuum ausgerichtete Lösungen können sowohl auf Seiten der Anbieter wie auf Seiten der Nachfrager von Pflege-Leistungen entstehen. Ein Beispiel für eine solche Anbieter-Lösung ist die niederländische Buurtzorg-Initiative, bei der Teams von maximal elf professionellen Pflegekräften sich und ihre Arbeit selbst organisieren. Ein Beispiel für eine am Einzelnen orientierte Lösung wiederum könnte dem Denknetz-Vorschlag der «Persönlichen Gesundheitsstelle» (PGS) folgen, bei der für jeden Patienten beziehungsweise zu Pflegenden eine Person oder Institution als Ansprechpartner und Kontakt für alle individuellen Bedürfnisse und Probleme fungiert.

Solche Modelle können dabei sowohl von Privaten als auch von Unternehmen als auch von öffentlichen Institutionen initiiert und betrieben werden. Das PGS-Modell beispielsweise, so Ringger «lässt eine grosse Vielfalt auch und gerade an privaten Anbietern zu, etwa Hausarztpraxen oder ÄrztInnennetzwerken.» Entscheidend sei nicht so sehr die Organisationsform, sondern dass die Anbieter «im Interesse der PatientInnen klar und überprüfbar Verantwortung übernehmen». Zudem müsse gewährleistet sein, dass alle Betroffenen eine gute Versorgung in Anspruch nehmen können, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten – auch das ergebe sich nicht von alleine, sondern müsse politisch gewollt und durchgesetzt werden.